Aus der Feder Ludwig van Beethovens: Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131. - © afp/Pawel Mazur
Aus der Feder Ludwig van Beethovens: Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131. - © afp/Pawel Mazur

Die klassische Musik steckt in einer Krise. Die Absatzmärkte von Tonträgern sinken, es gibt ein Nachwuchsproblem bei Konzertbesuchern und selbst die vielen Stars der Branche und der Trend zum "Unterhaltungshörer" helfen nicht, gegen sinkende Verkäufe anzukämpfen. Die klassische Musik sei im Ritual erstarrt, das Repertoire bleibe konventionell und Konzertbesuche würden oft nur einem elitären Distinktionsbedürfnis dienen, resümiert der deutsche Autor Berthold Seliger in seinem aktuellen Buch "Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle" (erschienen Ende 2016 bei Matthes & Seitz). Ihm zufolge sei Ernste Musik heutzutage ihrer eigentlichen Funktion beraubt: Anstatt Fragen aufzuwerfen und aufzurütteln, werde Klassik stattdessen vorwiegend als Entspannungstool angepriesen. Der Autor fordert angesichts dessen eine Wiederaneignung dieser verdrängten Potenziale und mehr zeitgenössische Musik.

Die "Wiener Zeitung" traf Berthold Seliger in Berlin und sprach mit ihm über die Macht der Interpretation, die Trennung in Ernste und Unterhaltungsmusik, über Geschmack und die Vielfältigkeit der Musik sowie über mögliche Auswege aus dieser "Klassik-Misere".

Wiener Zeitung": Sie können mit der Bezeichnung "klassische Musik" nicht viel anfangen. Warum?

Berthold Seliger: Klassische Musik ist ein Fake. Eine Fiktion. Komponisten aus früheren Zeiten schufen zeitgenössische Musik! Seit den technischen Möglichkeiten der Aufführung und der Reproduzierbarkeit können wir uns zumindest anhören, wie Bruno Walter Mahler dirigiert oder wie Béla Bartók selber gespielt hat. Im Unterschied zu den alten Werken. Wir haben nur mehr die Möglichkeit der Rückschau auf diese. Adorno hat dies sehr schön "den Blick Eurydikes" genannt: Wir wissen nicht, wie diese Musik wirklich gespielt wurde, wie sie geklungen hat. Wir wissen nur, wie sie aufgeführt wurde, in welcher Besetzung, in welchen Räumlichkeiten.

Wenn man zum Beispiel bedenkt, wo die Eroica das erste Mal aufgeführt wurde: in einem relativ kleinen Saal im Schloss Lobkowitz. Überlegen Sie sich, was da für eine Musik passiert ist! Wie diese Sforzati und Dissonanzen den Leuten in den Ohren gedonnert haben müssen. Auch wenn Orchester damals generell leiser gespielt haben und ein Fortissimo damals kein donnerndes war, wie es heute ein großes Symphonieorchester zu erzeugen versteht, sondern zurückhaltender. Wodurch die Sforzati, die Beethoven auch in Fortissimo-Stellen immer wieder verwendet hat, einen Sinn bekommen. Oder: Bis weit zu Mahlers Zeiten spielten Orchester kein Vibrato, nur die Solisten. Auch Mahler hat sich dem noch weitgehend verweigert, während die Orchester heute quasi ein Dauervibrato spielen. Das ist ein ganz anderer Sound.