Das Album "Blood" des sich öffentlich geheimnisvoll-bedeckt haltenden Duos Rhye beschert dem noch jungen Popjahr 2018 ein polarisierendes Meisterwerk der Uneindeutigkeit. Im Jahr 2013 hatten Michael Milosh - der aus Kanada stammende Mastermind und die Stimme von Rhye - und der dänische Produzent Robin Hannibal mit ihrem Debütalbum "Woman" und dem darauf gebotenen, zwischen schonungsloser Intimität und großer Künstlichkeit oszillierenden Soulpop erstmals für Aufsehen gesorgt. Fünf Jahre später wird der musikalische Faden mit dem Nachfolgewerk fortgesponnen. Rhye bleiben ihrem Ansatz treu, samtweichen Soul und geschmeidigen Pop miteinander zu verknüpfen.

Verletzlichkeit und Sinnlichkeit ersetzen bei Rhye Coolness, Eindimensionalität und Lässigkeit - und die kunstvoll in Szene gesetzte geschlechtliche Uneindeutigkeit erhöht den Reiz dieser Musik zusätzlich. Die Sinnlichkeit der Songs findet außerdem im formvollendeten Cover-Artwork mit nacktem Frauenkörper ihre bildliche Entsprechung und verweist darauf, dass Rhye zusätzlich zu aller schonungslosen Intimität immer auch auf betontes Stilbewusstsein setzen. Die Kopfstimme von Mike Milosh prägt das Klangbild und verleiht der Musik des von Los Angeles aus operierenden Duos emotionale Tiefe und große Intensität - wobei die Songs nur ganz selten hart am Rand des Kitschs balancieren. Das Gespür für Melodien, Hooklines und Atmosphäre ist auch auf dem neuen Album erhalten geblieben. Neu mit dabei sind hingegen die vermehrten Funk- und R&B-Einflüsse und der gezielte Einsatz von Streichern und Bläsern.

Gerade mit diesen Beigaben entfaltet Miloshs charismatischer, das Sehnen nach Zuneigung und Wärme in den Fokus rückender Vortrag seine volle emotionale Wirkung und ringt auch den dunklen und düsteren Seiten des Daseins Anmut und Schönheit ab.

In Summe ist "Blood" damit ein Album geworden, das unter der Hörerschaft wohl nur Begeisterung oder Ablehnung hervorzurufen vermag. Ein Dazwischen gibt es nicht. Anspieltipps: "Count To Five", "Feel Your Weight" und "Please".