"Wiener Zeitung": Die neuen Alten werden gern fit, sonnengebräunt und mit strahlenden Gesichtern dargestellt. Geht so glückliches Altern?

Gerald Gatterer: Nein. Das Wichtigste ist Lebenszufriedenheit. Ich muss nicht überall mitmachen. Ich kann auch ein traditionelles altes Ehepaar sein, das einmal im Jahr in den Urlaub fährt und gern im Garten sitzt. Wenn eine Person mit so einem Leben zufrieden ist, dann ist das glückliches, erfolgreiches Altern. Aber genauso wichtig ist es auch, dass jemand, der merkt, dass das Leben, das er bisher gelebt hat, nicht das Leben ist, das er eigentlich wollte, dann auch im Alter den Mut findet, sein Leben zu ändern und neu durchzustarten.

Der Volksglaube lautete lange Zeit, dass sich Menschen gerade im Alter nicht mehr ändern. Neuere Studien der Hirnforschung deuten aber in eine andere Richtung.

Gerald Gatterer im Gespräch mit "W.Z."-Mitarbeiterin Blatakes. - © luizia puiu
Gerald Gatterer im Gespräch mit "W.Z."-Mitarbeiterin Blatakes. - © luizia puiu

Wir haben neue Erkenntnisse, auch wenn wir die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern, noch längst nicht verstehen. Aber derzeit gilt als gesichert, dass sich unser Gehirn von der Kindheit an immer wieder neu selbst erschafft. Das heißt, die Realitäten, die wir als Kinder hatten, sind andere als jetzt.

Wann passiert das?

Vor allem durch einschneidende Lebensereignisse, wie zum Beispiel beim Wechsel vom Kleinkind in die Pubertät. Es gibt Stadien in der psychischen Entwicklung - und das hört nicht mit Vierzig auf. Das hat dann wieder Auswirkungen auf das erfolgreiche Altern. Welche Rolle will ich als sechzigjähriger Mann übernehmen? Gehe ich in die Rolle des traditionellen Großvaters oder bleibe ich lieber in der Rolle des Berufstätigen oder starte vielleicht sogar als sogenannter "junger Alter" neu durch mit einer neuen Partnerin.

Das erfolgreiche Gehirn setzt sich sozusagen wie ein Computer immer wieder neu auf. Es entwickelt neue Werte, Normen, Bedürfnisse und Rollen. Dadurch ergibt sich im Leben immer wieder eine neue Persönlichkeitsstruktur. Wobei die stabilen Aspekte immer mitgenommen werden.

- © luizia puiu
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Was meinen Sie damit?

In der Gerontopsychologie unterscheiden wir zwischen zwei Funktionen, die jedes Gehirn hat: Erstens die fluiden Leistungen oder Speed-Funktionen, die mit neu Lernen und Veränderung zu tun haben. Die sind wichtig, um sich an neue Situationen anzupassen. Als zweites haben wir auch sogenannte kristalline Leistungen oder Power-Funktionen, das sind gut eintrainierte Fähigkeiten, Fertigkeiten oder Persönlichkeitsaspekte, die das ganze Leben bestimmen.

Hat es also gar nicht so viel mit dem Alter zu tun, ob ein Mensch eher aufgeschlossen oder konservativ ist?