"Wiener Zeitung": Geht Ihnen als Pflanzenfreund das Herz auf, wenn Sie Zimmerpflanzen auf der Fensterbank sehen?

Emanuele Coccia: Ehrlich gesagt, kommt es darauf an, um welche Pflanzen es sich jeweils handelt. Die Philosophin Hannah Arendt sagte einmal: "Es gibt nicht die Liebe zur Menschheit, sondern Liebe bezieht sich immer auf bestimmte Personen." Übertragen auf die Pflanzenwelt bedeutet dies, dass ich keine Liebe zu Pflanzen im Allgemeinen empfinde. Ich betrachte Pflanzen nicht als Objekte, die man als Deko auf die Fensterbank stellt.

Sondern?

Ich habe ein ähnliches Verhältnis zu ihnen wie zu Menschen. Bei bestimmten Pflanzen geht mir durchaus das Herz auf, bei anderen dafür umso weniger. Offen gestanden, gibt es sogar Pflanzen, die ich hasse.

Zum Beispiel?

Efeu gehört zu den Pflanzen, die ich verabscheue! Mir liegt jedoch auch wenig an Rosen, was für viele Menschen komisch klingen mag. Eine Erklärung dafür liegt vielleicht in der speziellen Ausbildung, die ich in meiner Jugend erhalten habe. Seit dieser Zeit mag ich grundsätzlich Pflanzen lieber, die angebaut werden. Ich liebe alles, was auf Feldern wächst und gedeiht, also Nutzpflanzen. Aber ich kann auch Pflanzen etwas abgewinnen, die unauffällig unsere Wegesränder säumen, wie etwa der Löwenzahn. Diese Pflanze, die zu den Unkräutern gezählt wird, fasziniert mich vor allem deshalb, weil sie zugleich verletzlich und extrem lebensfähig ist.

Inwiefern war diese Ausbildung speziell?

Im Alter von 14 Jahren wurde ich auf eine Landwirtschaftsschule geschickt - und ich empfand diesen Ort irgendwo in der ländlichen Provinz Mittelitaliens zunächst als Exil. Als Stadtkind besaß ich keinerlei Bezug zu Pflanzen, und plötzlich drehte sich das gesamte Leben nur noch um deren Bedürfnisse und Erkrankungen. Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, kommen mir als erstes endlose grüne Landschaften voller Felder und Bäume in den Sinn. Im Rückblick wurde mir bewusst: Der tägliche Kontakt mit diesen schweigenden Lebewesen hat meinen Blick auf die Welt nachhaltig geprägt.

Natur ist ein Megatrend, auch in der Welt der Bücher. Was unterscheidet Ihren Blick auf die Natur beispielsweise von jenem des Erfolgsautors Peter Wohlleben?

Es ist in der Tat ein großer Trend hin zur Natur zu beobachten, und es kommt gewiss nicht von Ungefähr, dass diese Mode von Deutschland ausgeht. Peter Wohlleben ist es mit seinen Büchern gelungen, die Ideen der deutschen Romantik wiederzubeleben, insbesondere den romantischen Kult um den Wald. Diese romantische Ader ist mir jedoch fremd. Als ich damals in diese mir völlig fremde ländliche Welt eintauchte, entdeckte ich eine paradoxe Wirklichkeit: Einerseits ernähren wir uns von Pflanzen und wir nutzen sie zur Körperpflege oder in Form von Naturheilmitteln. Andererseits gestehen wir ihnen selten ein Existenzrecht zu und es fällt uns außerordentlich schwer, Pflanzen als lebendige Wesen wahrzunehmen. Ich vertrete jedoch die Auffassung, dass Pflanzen genau der gleiche Status wie Tieren oder Menschen zukommt: Pflanzen sind Subjekte, Pflanzen sind die eigentlichen Erschaffer der Welt.