Sucht die Natur, um Ruhe zu finden: Lizz Wright. - © Universal
Sucht die Natur, um Ruhe zu finden: Lizz Wright. - © Universal

Ihre seelenvolle, erdige Altstimme eint Gospel, Blues, Jazz und Folk. Tief berührend vermischt Lizz Wright mit rhythmischer Sensibilität das Spirituelle mit dem Politisch-Sozialen und Sinnlichen. Auf ihrem neuen Album "Grace" (Universal Music/Concorde) huldigt die 38-Jährige dem amerikanischen Süden. Ihre Coverversionen, angefangen von Ray Charles über Nina Simone bis hin zu Bob Dylan spiegeln ihre Kindheit und Jugend im ländlichen Georgia.

"Wiener Zeitung": Sie sind als Tochter eines Predigers aufgewachsen. Inwieweit spielen Glaube und Spiritualität für Sie eine Rolle?

Lizz Wright: Ich habe schon zu viel gesehen, um nicht an eine höhere Kraft zu glauben. Ich denke, Liebe ist eine große Kraft. Ich bin immer wieder fasziniert davon, was Liebe erreichen kann und wie sie einen beflügelt. Außerdem hat dort in Georgia, wo ich herkomme, der Gospel seine tiefsten und mächtigsten Wurzeln. Er ist die Basis meiner Musik.

Wie hat es Sie geprägt, mit Gospel-Musik aufzuwachsen?

Ich habe dadurch gelernt, dass Musik etwas ganz Besonderes ist. Für mich ist es mehr als nur Töne und Noten. Gospel bedeutet Wahrheit. Ich glaube, dass einen das sein Leben lang begleitet. Selbst, wenn man eines Tages nicht mehr religiöse Musik singt und spielt, wird man Musik immer als etwas Wertvolles betrachten. Das andere hängt mit dem speziellen Rhythmus zusammen. Nicht zuletzt deshalb hat mir diese Ode an den Süden große Freude gemacht. Es swingt einfach auf besondere Art. So wie die Leute in Georgia grooven, tut das niemand sonst. Mit Ray Charles’ "What Would I Do without you" erinnere ich an dieses pulsierend-swingende Georgia-Feeling.

Zu Zeiten von Ray Charles galt es als Sakrileg, Spirituals mit Rhythm & Blues zu verschmelzen. Dass er es wagte, schockierte die Gralshüter. Können Sie sich das heute noch vorstellen?

Ja, als Jugendliche durften wir zuhause nur Gospel hören. Popmusik war uns verboten. Inzwischen habe ich mich damit ausgesöhnt. Mein Vater hat es nur gut gemeint. Aber Kontrolle ist nie förderlich. Wir haben natürlich heimlich Radio gehört, oft nachts, wenn meine Eltern schliefen.

Gewidmet haben Sie Ihr neues Album Ihrer 92-jährigen Nachbarin. Warum?

Ich bin total glücklich mit ihr. Vor kurzem bin ich wieder bei einer Tasse Tee auf ihrer Veranda gesessen und habe mich mit ihr unterhalten. Sie ist unglaublich. Von ihr lerne ich viel darüber, wann man sinnvoll anpflanzt und wie das geerntete Gemüse am besten zubereitet wird. Als ich von Brooklyn hierher nach North Carolina umgezogen bin in mein Haus, war ich die einzige Schwarze weit und breit. Aber ich liebe diese Gegend mit ihren Bergen so sehr, dass es mir egal war. Ich sagte den Besitzern, dass ich die Tochter eines Predigers bin und als Musikerin arbeite. Und dass ich einen Platz in der Natur suche, um Ruhe zu finden. Da meine Familie schon in Zeiten der Sklaverei eigenes Obst und Gemüse anbaute und sich selbst versorgte, gab es darüber bald Gemeinsamkeiten.