Allerdings haben die drei letzten Alben Bob Dylans im Zeichen Frank Sinatras und eben des Great American Songbooks dann natürlich doch Früchte getragen. Der Meister klingt jetzt nur mehr selten wie ein Walross mit Asthma, dem gerade die Luft ausgeht. Tatsächlich zeigt sich Dylan im eigenen Werk außer um die gewohnt markante Phrasierung als Singsang mit Schlusspointe auch um verstärkte Textverständlichkeit bemüht und raubt damit jedem Dylanologen die Chance, hinter einem leisen Fauchen ins Mikrofon bereits die radikale Dekonstruktion des nächsten Songs zu erkennen. Bei den Fremd-Interpretationen, von denen es heute "Melancholy Mood", "Come Rain Or Come Shine" und "Autumn Leaves" in einer Stimmungslage zwischen Ballroom-Depression und gut situiertem (und noch besser sediertem!) Rotweinabend setzt, erlebt man den Meister ohnehin als bemühten Performer, der sich verhaltensauffällig in Richtung Bühnenmitte tapsend sogar vom Klavier erhebt und den Mikrofonständer seitlich vorbei an der Hüfte beugt.

Unter fünf bevorzugt gedimmten Vintage-Scheinwerfern und mit seiner fünfköpfigen Band, die erneut vor der Slimfit-Ära maßgeschneiderte Sonntagsanzüge verpasst bekam, wird ansonsten recht abwechslungsreich und auch wechselhaft in der Überzeugungskraft adaptiert und neu vermessen.

Traum und Mythos

"Don’t Think Twice, It’s All Right" erinnert heute an Woody-Allen-Filmintro-Swing, der im Honky-Tonk-Remix gegeben wird, nicht nur "Honest With Me" von 2001 fährt mit ausgestellten Surf-Gitarren auf, und "Thunder On The Mountain" kommt als synkopierter Rockabilly daher - während der Blues die ins Heute geholte Verbrecherparabel "Early Roman Kings" dominiert.

Völlig neu im Gegensatz zum Hosentürlreiber "Soon After Midnight" und dem als Sperrstundenwalzer angelegten "Long And Wasted Years", den näher an den Originalen gegebenen weiteren Songs aus Dylans bisher letztem Studioalbum mit eigenen Songs, "Tempest" von 2012: Ein stampfendes "Tangled Up In Blue" und ein erstaunlich luftiges "Desolation Row", das einen überraschenden Blickwinkel auf die Gasse der Verzweiflung offeriert. Toll auch "Love Sick" aus dem "Time Out Of Mind"-Album von 1997, dessen aktuelle Grundierung man sich Dub-nahe vorstellen darf.

Während man später noch hören wird, dass Kendrick Lamar als erster Rapper der Geschichte den Pulitzerpreis für Musik erhält, erinnert der erste Songwriter und Literaturnobelpreisträger in Personalunion mit einer friedlichen Deutung von "Blowin‘ In The Wind" noch daran, dass er schon im Jahr 1962 eine Stimme der Bürgerrechtsbewegung war, und trotzdem kein Sprachrohr sein wollte. Als man darüber nachdenken will, ist mit "Ballad Of A Thin Man" um 21:15 Uhr aber die zweite Zugabe und somit auch das Konzert schon wieder vorbei. Beendet wie ein surrealer Traum, der zwischen den Fingern zerrinnt, eingebettet in einen Mythos, der bleiben wird. "Something is happening / but you don’t know what it is".