Liebeserklärungen an New York gab es viele - und gibt es noch immer, wenn auch in geringerem Ausmaß, zumindest was Manhattan betrifft. Weil kaum noch New Yorker Autoren dort wohnen, da die Mieten, ganz zu schweigen von Eigentumswohnungen, unleistbar geworden sind. Auch deshalb spielen New-York-Romane in der Regel in den anderen boroughs der Metropole, in der Regel in Brooklyn, und dort dann wiederum in Grätzeln wie Williamsburg, die gerade an der Kippe zur bereinigenden Gentrifizierung stehen.

Beschwörung des
Kulturerbes

Der Romandebütant John Freeman Gill ist diesbezüglich aktuell eine Ausnahme - und auch in vielerlei anderer Hinsicht exzeptionell. Denn seinen Roman "Die Fassadendiebe", nun von Bettina Abarbanell und Nikolaus Hansen gut übersetzt, hat Gill mit Mitte 50 vorgelegt, nachdem er ein Vierteljahrhundert für diverse US-amerikanische Zeitungen und Zeitschriften geschrieben hat, vornehmlich über Architektur und Bauen, etwa die Glosse "The Ghosts of New York" in "The Atlantic".

Die Geister New Yorks, insbesondere Manhattans, beschreibt und beschwört der Autor auch in seinem eleganten, klugen Roman, der im Jahr 1974 angesiedelt ist. Die Stadt steht kurz vor dem Kollaps und der finanziellen Pleite (diese trat wenig später auch tatsächlich ein), sie ist ein Ort des Untergangs, der Vernachlässigung, auch entfesselter Gier, vor allem was das Beseitigen historischer Gebäude betrifft. Und sie ist ein Ort des Zerfalls. Es ist die Zeit des Vietnamkriegs, des Watergate-Skandals, von düsteren und manischen Filmen wie "French Connection", "Das Verhör", von Martin Scorseses "Hexenkessel" und "Taxi Driver".

Griffin, 13, erlebt auch Zerfall, nämlich den seiner Familie nach der Scheidung der Eltern. Mit seiner überforderten hedonistischen Künstlermutter und seiner älteren Schwester, die ihre Träume von einer Schauspiel- und Tanzkarriere mutlos aufgibt, lebt er in einem schmalen Brownstone (Haus aus braunem Sandstein, Anm.), das seinem Vater gehört. Dieser ist Antiquitätenhändler, Restaurator, viel stärker, im Verborgenen, jedoch selbst ernannter "Retter" architektonischer Ornamente an älteren, vom Abriss und "Modernisierung" bedrohten Gebäuden.

Griffin wird, auch um die Liebe des Vaters zu erhalten, sein Gehilfe bei keineswegs ungefährlichen Nacht- und Nebelaktionen. Dabei sägen sie Wasserspeier ab, stemmen Terrakottafiguren und anderes aus Fassaden. Beim Abtransport einer in zahlreiche Teile zerlegten gusseisernen Fassade eines Gebäudes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt ihnen allerdings die Polizei auf die Spur und verhaftet zwei Gehilfen. Dem Vater hingegen gelingt es, rechtzeitig zu verschwinden.