Wiener Zeitung: Herr Narval, Sie sind 1977 geboren. Die Revolte der 1968er haben Sie nicht miterlebt. Wäre das eine spannende Zeit für Sie gewesen?

Philippe Narval: Spannend war sie gewiss und wichtig, denn sie erbrachte große reformatorische Leistungen und erfüllte viele legitime Forderungen der gesellschaftspolitischen Mitte, wie zum Beispiel ein neues Bildungssystem und eine neue Definition der Rolle der Frau - eine übrigens noch immer aktuelle Forderung, weil die Gleichberechtigung noch nicht voll umgesetzt ist. Ich sehe aber jede Zeit differenziert und auch die 68er-Generation verlief sich zum Teil auf Irrwegen. Wenn Menschen Dogmen aufstellen und daraus eine Ersatzreligion machen, habe ich damit so meine Probleme.

Könnten wir heute dennoch etwas mehr vom damaligen Engagement zum öffentlichen Protest gebrauchen?

Nur dort, wo es notwendig ist, wo etwa die Pressefreiheit drastisch eingeschränkt ist, wie zurzeit in Ungarn oder Polen. Im Großteil Europas und auch bei uns in Österreich braucht es diese Art des Aufbegehrens einstweilen nicht. Wir können zum Glück Veränderungen auch durchsetzen, ohne auf die Straße zu gehen. Mit demokratischen Mitteln.

In Ihrem in diesem Frühjahr erschienenen Buch "Die freundliche Revolution - Wie wir gemeinsam die Demokratie retten" behaupten Sie, dass die Demokratie in einer starken Krise steckt und das Vertrauen in sie zusehends abnimmt. Welche Indikatoren gibt es dafür?

Die Meinungsumfragen sprechen eine deutliche Sprache, ebenso wie das Erstarken der Populisten. Die gesellschaftlichen Zeiterscheinungen bestätigen, dass wir ein Problem mit unserem politischen System haben - und zwar ebenso bezogen auf die Politik wie auf viele Institutionen der Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Das hat multikausale Gründe. Lange Zeit sah man Demokratie als eine Art Endstation an und glaubte, sobald sie funktioniert, brauche man dafür nichts mehr zu tun. Deshalb legten wir bis jetzt zu wenig Wert auf politische Bildung.

Ein weiterer wichtiger Grund ist wohl, dass uns die Konsumgesellschaft ständig suggeriert, wir könnten alles sofort haben. Eine Amazon-One-Klick-Bestellung und schon hat man das Gewünschte. Die Kompromissfindung in der Politik erfordert mehr Geduld. Bürgerinnen und Bürger zeigen oft wenig Verständnis dafür, dass gewisse Entwicklungsprozesse Zeit brauchen, Zukunftsprojekte werden nicht belohnt. Darüber hinaus haben wir die Verantwortung für unser Wohl an die Politiker delegiert. Es gibt diese schöne Aufgabenteilung im Kapitalismus, dass das eine Berufsgruppe für uns erledigt. Dann kam Trump und es kamen andere Krisen und es wurde vielen bewusst: Oh mein Gott, wir haben dieses Feld ziemlich vernachlässigt!