"Wiener Zeitung": Bei meiner Recherche bin ich auf das Buch "Eastern Dharma, Western Drama" gestoßen. - Herr Tauss, Herr Ritter, was Sie verbindet ist, dass Sie sich beide sowohl für den östlichen Dharma, also die Lehre Buddhas, als auch das persönliche Drama, das in westlichen Psychotherapien aufgearbeitet wird, interessieren. Mir scheint, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich von genau dieser Schnittstelle angesprochen fühlen. Wie sind Sie beide eigentlich dazu gekommen?

Martin Tauss: Ich erinnere mich an ein kleines rororo-Taschenbuch über den Buddha, das ich als Unterstufenschüler in die Hand bekam. Das Interesse hat mich also schon sehr früh gepackt. Mit 16 Jahren landete ich dann bei Hermann Hesses Roman "Siddharta", der mich sehr ansprach. Konkret wurde es allerdings vor 18 Jahren, als ich durch Zufall auf die Yoga-Gruppe von Harald Tichy stieß, der Dharma-Lehrer und Psychotherapeut ist. Hier wurde mir die buddhistische Lehre von Anfang an in der Doppelgestalt mit der westlichen Psychologie vermittelt. Ich habe diese Verbindung also quasi mit der Muttermilch aufgesogen (lacht).

Franz Ritter: Die Muttermilch ist ein sehr gutes Bild. Der Dharma wird ja nicht selten mit der Muttermilch verglichen. Bei mir war es so, dass ich - angetrieben durch ein spirituelles Interesse - 1968 mit 21 Jahren zu einem Kreis "junger Wilder" um den damaligen Professor Hungerleider in der Buddhistischen Religionsgemeinschaft stieß. 1975 waren wir soweit, ein eigenes Meditationszentrum zu gründen, das spätere Buddhistische Zentrum Scheibbs, dessen erster Leiter ich wurde. Dort liefen schon bald drei Fäden für mich zusammen: Einerseits traf ich in Scheibbs meinen ersten buddhistischen Lehrer, andererseits besuchte ich parallel eine gruppenpädagogische und eine gestalttherapeutische Ausbildung.

Bevor wir uns der Schnittstelle zur Therapie zuwenden, würde mich noch interessieren, welcher buddhistischen Richtung Sie beide sich zugehörig fühlen?

Ritter: Jenseits von allem. Ich tue mir auch schwer damit, mich wirklich Buddhist zu nennen. Ich zähle zu viele verschiedene Strömungen zu meinem geistigen Hintergrund: Buddhismus, Daoismus, christliche Mystik, Yoga. Mein wichtigster Lehrer war wohl der Arzt Walter Karwath. Er hat den Buddhismus transformiert und das Buch "Buddhismus für das Abendland" geschrieben. Darin entwirft er das Modell eines sozialen Buddhismus, dem ich mich sehr verpflichtet fühle. Auf meinem Weg begegnete ich aber vielen weiteren Meistern, vor allem in Japan und China. Ich habe das immer gebraucht, mich in die Gegenwart solcher "erleuchteten" Personen zu begeben.