Durchleuchtete Romanfiguren, als ob sie ihre Patienten wären: Marta Karlweis (1889-1965). - © Literaturmuseum Altaussee
Durchleuchtete Romanfiguren, als ob sie ihre Patienten wären: Marta Karlweis (1889-1965). - © Literaturmuseum Altaussee

Im Sigmund Freud Museum in der Wiener Berggasse kann man nicht nur auf Freuds Spuren wandeln, sondern auch einiges über seine kulturgeschichtliche Bedeutung erfahren. Heuer ist dort die Ausstellung "Parallelaktionen" zu sehen, die - unter anderem auch von der "Wiener Zeitung" - sehr gelobt worden ist. Am Beispiel weniger, aber gut ausgewählter Dokumente wird hier vorgeführt, dass die Psychoanalyse von Anfang an auf das besondere Interesse der Literaten stieß. Die Schriftsteller des "jungen Wien", Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Felix Salten, waren allesamt Freud-Leser der ersten Stunde. In ihren Werken und Briefen zeigt sich ein kräftiger Einfluss der Psychoanalyse; beispielsweise waren Freuds Hysterie-Studien für die Gestaltung der Hauptrolle in Hofmannsthals "Elektra" von Bedeutung.

Das Interesse der Autoren wurde von Freud durchaus zurückgegeben. Der Psychoanalytiker verfügte über einen sensiblen Kunstverstand und verlangte keineswegs, dass Schriftsteller die Lehrsätze seiner Wissenschaft zu bestätigen hätten. Ganz im Gegenteil: Wie er 1909 in seinem Aufsatz "Der Dichter und das Phantasieren" dargestellt hat, ist für ihn das freie Spiel der Phantasie die beste Voraussetzung dafür, dass das Lesen von Literatur Lust bereitet. Die Erklärung dieser Lust obliegt freilich nicht den Künstlern selbst, sie ist, wenn es nach Freud geht, Sache der Analytiker.

Umspielungen

In der Ausstellung findet sich ein schöner Beleg für diese Sicht der Dinge: Am 31. März 1909 hielt der Psychologe Wilhelm Stekel in der "Psychoanalytischen Vereinigung" einen Vortrag zum Thema "Zur Psychopathologie von Hauptmanns Griselda". Die danach folgende Diskussion wurde in akkurater Handschrift protokolliert; in der Ausstellung ist die Seite zu sehen, die Freuds Kommentar zu Stekels Vortrag wiedergibt.

Der Professor erklärte, er kenne zwar Gerhart Hauptmanns Drama nicht, meine aber generell, dass die Dichter in ihren Werken eben jene seelischen Triebkräfte zum Ausdruck brächten, die in der Psychoanalyse wissenschaftlich untersucht würden. Allerdings bestehe ein wesentlicher Unterschied in der Art der Verarbeitung. Während die Wissenschaft bestrebt sein müsse, allen Fragen auf den Grund zu gehen, solle es der Dichter bei Andeutungen und Umspielungen belassen, denn, so Freud: "Die Kunst des Dichters besteht also wesentlich in der Verhüllung". Der Psychoanalyse hingegen schrieb er die Aufgabe der wissenschaftlichen Enthüllung zu.