Gerade in Zeiten der Industrie 4.0 und des Roboters als Ersatzkraft für den Faktor Mensch darf man aktuell wieder an Kraftwerk denken - obwohl die 1970 noch mit Krautrock-Hintergrund gegründete Band aus Düsseldorf nicht nur diesbezüglich und mit ihrem im Jahr 1978 erschienenen Meisterwerk "Die Mensch-Maschine" bis herauf ins Heute visionär wirkt (in diesem Zusammenhang und abgesehen von der Arbeitswelt gleichfalls eine Erwähnung wert: der gesichtslose Robotik-Popstar als Schablone für zahlreiche Acts vom Zuschnitt der französischen Disco-Humanoiden Daft Punk). Auch in der Technisierung der Pop-Produktion und im Agenda-Setting zwischen Computerwelt, Fortschrittsglauben und Motorisierung leisteten Kraftwerk im Grenzland zur Konzeptkunst bahnbrechende (Vor-)Arbeit.

Unglaublich, aber wahr: Diese Musik stammt aus einer Zeit, in der es noch eine Zukunft gab, die im Werk gleichsam mitgedacht und -erfunden wurde. Eingedenk des Wirtschaftswunders als Antriebsmotor des "Trans Europa Express" - und Europas als Idee und Vision -, kann der Einfluss Kraftwerks als wichtigster deutscher Band aller Zeiten nicht erst im Rückblick nicht überschätzt werden. Auch wenn zwischen keinem neuen Material, zunehmender Musealisierung, der Restaurierung des Werkkatalogs und Best-of-Konzerten in Form von 3D-Shows (eine weitere davon wird man am 22. Juli im Steinbruch St. Margarethen im Burgenland erleben dürfen) seit mindestens einem Vierteljahrhundert wieder gelebte Nachlassverwaltung regiert.

Nicht nur auf der Theorieebene macht uns nun jedenfalls auch das Buch "Mensch - Maschinen - Musik" wieder Lust auf die Band. Hervorgegangen aus zwei Kraftwerk-Tagungen an der Aston University in Birmingham (lasst die Fußnoten unsere Zeugen sein!), an der der Herausgeber des Sammelbandes (und "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter), Uwe Schütte, auch lehrt, geht es darin außer um Detailanalysen des Gesamtwerks auch um die erwähnten Aspekte des "posthumanen Gedankens" - inklusive Rückverfolgung des Wortes "Roboter" auf das Schaffen des tschechischen Schriftstellers Karel Čapek.

Dazu Kraftwerk als deutscher Mythos und internationaler Inspirator, über den Cabaret-Voltaire-Sänger Stephen Mallinder bereits im Vorwort zu berichten weiß - und der sich popkulturell nicht zuletzt auch im Detroit Techno ablesen und nachhören lässt. Nerd-Forschung als Pflichtlektüre.