Der Chemieprofessor Vittorio Nuvolani ist nicht gerade ein Sympathieträger. Er ist ein genialer Wissenschafter, aber als Mensch ein ziemlicher Ungustl: eitel, sexbesessen und rücksichtslos. Als Dissertant war er Neofaschist und ein Totalkomplexler, Jungfrau noch mit 24, aber immer bestrebt, den großen Macker zu mimen und gleichzeitig seine homosexuellen Neigungen zu verleugnen. Nein, die Hauptfigur in Piersandro Pallavicinis Roman "Atomic Dandy" ist beileibe kein sympathischer Held. Und trotzdem geht einem die Figur im Lauf der Geschichte nahe und immer näher.

Wir lernen Vittorio als Studenten kennen, der, um seine Jungfräulichkeit zu verlieren, im Winter 1986 eine Studentin ins Labor des Versuchsreaktors von Pavia (südlich von Mailand) abschleppen will. Sein Pech ist nur, dass er an der Tür zum Hochsicherheitstrakt vor Aufregung zwei Mal den falschen Zugangscode eintippt. Wenig später blinken um das Gebäude herum die Blaulichter der Polizei. Nur der Fürsprache seines Professors hat Vittorio es zu verdanken, dass er die Nacht nicht in Untersuchungshaft verbringen muss. Von seinen Kommilitonen bekommt er für die Aktion den Spitznamen "Atomic" verpasst.

16 Jahre später lädt Nuvolani die Studentin von damals zu einer Party ein. Inzwischen ist er mit einer attraktiven Frau verheiratet, die er für Sexspiele mit Afrikanern verkuppelt. Dank der Entwicklung eines "Molekularchips" für Supercomputer werden Nuvolani und sein Team mit Drittmitteln überschüttet. Trotzdem will er seinem alten Professor, der kurz vor der Pensionierung steht, das Institut abdrehen, wogegen die Freundin aus Studienzeiten Einspruch erhebt.

Piersandro Pallavicini - selbst Professor für Chemie an der altehrwürdigen Universität Pavia - ist ein gnadenlos genauer Beobachter. In seinem Roman "Atomic Dandy" bewegt er sich gewandt auf mehreren Zeitebenen und zeichnet Nuvolanis Entwicklung vom hochbegabten rassistischen Komplexhaufen zum dandyhaften, bisexuellen Vorzeigewissenschafter durchaus unterhaltsam nach. Dass der Protagonist dabei zwischenmenschlich ordentlich auf die Nase fällt, macht ihn am Ende sympathisch. Naja, fast.