Der Roman "Brot für die Toten" handelt von Leben und Sterben im Warschauer Ghetto, also einem der vielen Verbrechen, die Nazideutschland in Polen begangen hat, aber die Menge macht es nicht vergleichbar und auch nicht verwechselbar. Zweieinhalb Jahre lang wurden fast 500.000 Juden - Frauen, Männer und Kinder - auf einer Fläche von drei Quadratkilometern zusammengepfercht. Von Anfang an verfolgten die deutschen Behörden das Ziel, die Eingesperrten auszurotten, sei es durch Verhungernlassen oder durch Deportation in ein Vernichtungslager, in den meisten Fällen nach Treblinka, 80 Kilometer nordöstlich von Warschau.

Als Einzigem seiner Familie gelang dem Autor dieses Romans, Dawid Wojdowski, die Flucht aus dem Ghetto, das nach dem heldenhaften Aufstand vom Frühjahr 1943 endgültig zerstört wurde. Wojdowski änderte nach der Befreiung von der Naziherrschaft seinen jüdischen Vornamen auf Bogdan, als könnte er damit die inneren Stimmen loswerden, die ihm zuflüsterten: "Du lebst, also bist du schuldig." Da sie ihn weiterhin bedrängten, nahm er sich im April 1994, mit 63 Jahren, das Leben.

Surreale Wirkung

Die deutsche Übersetzung seines Romans erschien 1974 bei Volk und Welt, drei Jahre nach der Erstveröffentlichung in Polen, wurde jedoch außerhalb der DDR nicht wahrgenommen, obwohl mit Hanna Krall und Henryk Grynberg zwei prominente, im Westen auch unter Nichtlinken wohlgelittene Schriftsteller auf das Werk ihres Kollegen und Leidensgefährten hinwiesen. An dieser Ignoranz hat sich bis heute nichts geändert, was angesichts der moralischen Verpflichtung, "Brot für die Toten" in der Sprache der Mörder präsent zu halten, einigermaßen verwundert. Und auch weil der Roman - in der Wiedergabe ihrer Unterhaltungen - voller deutscher Wendungen und Sprachfetzen steckt, die in der eigenartigen Mischung aus Brutalität, Banalität und Sentimentalität eine beinahe surreale Wirkung entfalten.

Der US-amerikanischen Ausgabe des Romans aus dem Jahr 1997 steht ein Aufsatz Henryk Grynbergs mit dem Titel "Mein Bruder" voran. Darin heißt es: "Wojdowski war sechs Jahre älter, das heißt, er hatte viel mehr Erfahrung als ich, schlimme Erfahrungen, weshalb er jene Jahre auch anders erzählt hat. Auch unser gemeinsames Schicksal als Kinder des Holocaust ist für mich weniger traumatisch gewesen, weil ich nicht im Warschauer Ghetto war und deshalb weniger als er gesehen und gewusst habe. Wir haben beide überlebt, aber nicht ganz, und nicht auf dem gleichen Niveau, und später einen hohen Preis dafür bezahlt. Einen so hohen, dass mit der Zeit unsere Kräfte nachgelassen haben. Das ist es, was mit Piotr Rawicz, Primo Levi, Jerzy Kosiński passiert ist; das ist auch Wojdowski zugestoßen.