Jeanne d’Arc: Renée Falconetti in Carl Dreyers Stummfilm aus dem Jahr 1928. - © Sbg.Festsp./Marco Borrelli
Jeanne d’Arc: Renée Falconetti in Carl Dreyers Stummfilm aus dem Jahr 1928. - © Sbg.Festsp./Marco Borrelli

Salzburg. Als "Musik aus dem schwarzen Loch" hat Galina Ustwolskaja ihre Kompositionen beschrieben. Sie haben keine Verbindung zu anderen Musiken, stehen nur für sich. Wie sehr die Werke der 2006 verstorbenen russischen Komponistin diese Beschreibung einlösen, zeigte am Wochenende ein ihr gewidmeter Schwerpunkt bei den Salzburger Festspielen.

Die Musik Ustwolskajas entfaltete am Sonntag in zwei Konzerten im Mozarteum ihre ganze unmittelbare wie unausweichliche Sinnlichkeit. Zuerst mit Patricia Kopatchinskaja auf der Violine und Intendant Markus Hinterhäuser am Klavier, die bei einer Sonate und einem Duett in die unbeirrbar wuchtigen wie filigran reduzierten Klanräume der Komponistin vordrangen. Dem pochenden Puls der Einsamkeit folgend, eröffneten sie die einnehmende Eigenzeitlichkeit, die diese Musik aufspannt. Dialog zwischen den Stimmen gibt es nicht, das verbindende ist die Isolation. Es ist keine Einsamkeit, die sich nach einem anderen Menschen sehnt, sie verweist direkt in den Kosmos. Und doch spricht jede Stimme mit dem Gewicht der ganzen Menschheit - auch in den anschließenden, enorm expressiven sechs Klaviersonaten von Hinterhäuser verdichtet zu wuchtigen Blöcken und Räumen der atemlosen Stille, die sich an die Grenzen der Zeit vortasten.

Die assoziativen Kontexte, in die Hinterhäuer das Werk Ustwolskajas gestellt hat: Die Komponistin hätte sich wohl wiedergefunden darin. Vor die Sonaten stellte er Liszts "Via crucis" - eine Stückwerk bleibende Vertonung der Stationen des Kreuzwegs. Klangvollendet gestaltet vom Chor des Bayerischen Rundfunks und Igor Levit am Klavier, zeigt sich auch Liszt hier als Grenzgänger zwischen Monumentalität und Schlichtheit - rückgebunden wie bei Galina Ustwolskaja in tiefe Spiritualität.

Tags zuvor folgte auf den vielstimmigen Kanon der Isoliertheiten in Ustwolskajas Symphonie Nr.5 "Amen", luzide vorgetragen von Solisten des Klangforum Wien, die "Passion de Jeanne d’Arc". Carl Theodor Dreyers Stummfilm von 1928 schildert die unbeirrbare wie unschuldige Leidenschaft der jungen Johanna, die vor Gericht befragt, gefoltert und letztlich für ihre religiösen Überzeugungen hingerichtet wird. Gesichter in Großaufnahme, weit aufgerissene Augen und Tränen dick wie Blutstropfen prägen Dreyers Bilder.

Karg, herb und licht

Das mit nur fünf Sängern intim besetzte Orlando Consort hat die Musik dazu zusammengestellt und eine Collage aus geistlicher Musik um 1400, also zu Lebzeiten der Johanna von Orléans, gestaltet. Die kargen, herben und doch so licht schwebenden Zeugnisse früher vokaler Mehrstimmigkeit und die emotionale Dichte der Bilder fügten sich in der Kollegienkirche zu einer sich zugleich reibenden wie ergänzenden neuen Einheit.

Bereits am Freitag war die Ouverture spirituelle mit Krzysztof Pendereckis monumentaler "Lukas-Passion" in der Felsenreitschule eröffnet worden. Unter Beisein des bejubelten 85-jährigen Komponisten gestaltete Kent Nagano am Pult des Orchestre symphonique de Montréal und des herausragend zwischen Flüstern, Pfeifen und Schnattern alle Facetten abdeckenden Philharmonischen Chors Krakau eine eindringliche Menschheitsklage. Dabei folgte Nagano Penderecki in seine feinen klanglichen Studien an die filigranen wie kraftvollen Randbereiche des Klanges - die des Musizierens und des Hörens. In diesem feinfühligen Pendeln zwischen Wucht und Reduktion nahmen die Musiker bereits einen Grundgedanken dieses ersten Salzburger Festspielwochenendes vorweg: das Ausloten von Musiken, die sich in Grenzgängen bewegen, die extreme Pole erkunden - und die sich dem Komfort von allem dazwischen nicht hinzugeben bereit sind.