Als die 77-jährige Dame unter tosendem Applaus auf die Bühne kommt, nimmt sie erst einmal einen Schluck aus ihrem Becher und lächelt ins Publikum. Erst als sie den ersten Ton anstimmt, wächst sie wieder zu der Woodstock-Legende, die in einem Atemzug mit ihrem Ex-Freund Bob Dylan oder Janis Joplin genannt werden kann. Die Stimme ist gereift, körniger geworden als einst, man hört ihr die sechzig Jahre Bühnenerfahrung an, doch spätestens bei "Farewell Angelina" klingt in den hohen Tönen die glasklare Stimme von einst durch. Für einige Lieder holt sie Grace Stumberg mit auf die Bühne, eine Stimme die sich an Joan Baez‘ eigene anschmiegt und in ihrer hellen Klarheit fast an Baez‘ junge Folkstimme von früher erinnert. Auch ihr eigener Sohn begleitet sie zeitweise mit Perkussionsinstrumenten. Zwar singt die Folk-Ikone auch Lieder von ihrem neuen Album "Whistle Down The Wind", die größte Freude hat das Publikum im ausverkauften Konzerthaus aber an ihren alten Hits.

Schon die ersten Akkorde von "Farewell Angelina" oder "Diamonds and Rust" bekommen Applaus und freudige Zurufe, die meisten sind gekommen, um sich zu erinnern. Denn dass Joan Baez für viele eine Erinnerung ist, wird schnell klar, spätestens als gegen Ende Besucher während mehrmaliger Standing Ovations nach vorne zur Bühne eilen, einige reichen der Sängerin Blumen und Geschenke. Zwei Lieder singt sie als Tribut an ihre Fans auf Deutsch, eines davon "Sag mir wo die Blumen sind", natürlich, eines der berühmtesten Antikriegslieder.

Denn in jeder gesungenen Zeile, in jedem gesprochenen Wort schwingt der politische Aktivismus der Folk-Ikone durch. Zwischen ihren Liedern erzählt sie kurze Anekdoten, in denen sie sich auf gesellschaftliche Probleme bezieht, egal ob Feminismus oder Migration, ob das US-amerikanische Waffenrecht, oder Umweltschutz. Seit ihrer Jugend setzt sie sich für gesellschaftspolitische Themen auf der ganzen Welt ein, für ihr Engagement trägt sie eine Vielzahl von Auszeichnungen, der Joan Baez Award von Amnesty International ist nach ihr benannt. Gleichzeitig erzählt sie auch heitere Geschichten von früher, etwa wie sie Janis Joplin Tee anbot. Wie eine Bardin erzählt sie mit ihrer Gitarre von einer Zeit, in der gegen den Vietnamkrieg durch Musik protestiert wurde und Folk ein politisches Instrument war, eine Zeit die vorbei ist, aus der nur wenige aus der ersten Reihe geblieben sind, um von ihr zu berichten. Und sie singt zu einem Publikum, das sich zu gern erinnert.

Baez hat angekündigt, dass die "Fare Thee Well" Tour ihre letzte sein würde. Dass sie weiterhin politisch aktiv bleiben wird, ist jedoch jedem klar, der ihr eine Weile zuhört. Doch trotz ernster Themen und der schwermütigen Sehnsucht des amerikanischen Folk scheint Joan Baez nicht zu resignieren. Ihrer Musik haftet immer noch das idealistische aus Woodstock- Zeiten an, und auch an diesem Abend singt sie, wie sie sagt "für jeden, der sozial etwas bewegen will, in diesen schwierigen Zeiten."