Am Werkstättenhof in Wien-Mariahilf, 1908 als eine Art Gewerbepark zum 60. Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs errichtet, erinnert eine Gedenktafel an den Kunsthandwerker Reinhold Duschka (1900-1993), der die jüdische Chemikerin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang versteckt und sie so vor Verfolgung und Deportation geschützt hatte.

Was in wenigen nüchternen Zeilen als Zeugnis für Unerschrockenheit und Nächstenliebe zusammengefasst ist, schildert Erich Hackl in seiner neuen Erzählung "Am Seil" als beklemmende "Heldengeschichte". Seit seinem preisgekrönten Debüt "Auroras Anlaß" (1987) hat Hackl immer wieder authentische Schicksale aufgegriffen und sie in einer nahezu einzigartigen Form literarisiert. Seine Informantin für die aktuelle Erzählung ist die heute 89-jährige Ärztin Lucia Heilmann, von der er ein Zitat voranstellt: "Reinhold ist der Held meiner Geschichte. Nur seinetwegen erzähle ich sie."

Zu Beginn steht das Wien der prosperierenden Zwanzigerjahre, wo sich in einer kleinen Wohnung eine diskussionsfreudige Freundesgruppe um Regina Steinig und Rudolf Kraus regelmäßig trifft: "Die letzten Tage der Menschheit und die Russische Revolution, der deutsche Expressionismus und das Rote Wien, die gesunde Ernährung und der gläserne Mensch, die freie Liebe und der technische Fortschritt, es ging wild durcheinander."

Doch es dauert nur etwas mehr als ein Jahrzehnt, bis das mörderische System des Nationalsozialismus nicht nur die Unbekümmertheit und inspirierende Leichtigkeit jener Jahre zunichtegemacht hatte, sondern Menschen zur Flucht zwingt oder zu Tode bringt. Beziehungsgeflechte um Regina lösen sich auf, manche fügen sich aufgrund tragischer Umstände nie wieder zusammen. Lucias Vater Rudolf Kraus hatten die Wirrnisse des Krieges nach Australien verschlagen. Regina steht nach dem Verlust von Wohnung und Arbeitsplatz mit ihrer Tochter sprichwörtlich auf der Straße.

In dieser Situation wird Reinhold Duschka zum heldenhaften Retter in höchster Not. Rudolf Kraus hatte ihn seinerzeit in die Wiener Freundesgruppe eingeführt. Die beiden verband die Begeisterung für das Bergsteigen, Kraus nannte ihn seinen besten Freund. Ohne zu zögern, versteckt Reinhold Regina und Lucia in seiner Produktionsstätte im Werkstättenhof, wo sie hinter dicken, schallgedämmten Wänden Schutz finden. Hunderte Menschen gehen hier täglich ein und aus, eine Mutter mit ihrem Kind erweckt keinen sonderlichen Verdacht.