Böse ist gut: der Wiener Musiker Sir Tralala. - © Monkey
Böse ist gut: der Wiener Musiker Sir Tralala. - © Monkey

Der uralte Wanderer, den er gleich im ersten Titel seiner neuen, bisher stimmigsten und in sich geschlossensten Platte gibt, ist er in der österreichischen Poplandschaft auf gewisse Weise tatsächlich: In dem Sinn nämlich, dass er seit ewig und überall dabeigewesen zu sein scheint.

Auf mehr als dreißig Alben hat der knapp 40-jährige, in Wien geborene David Hebenstreit als Gast mitgewirkt und nebenbei Soundtracks für Kino- und Fernseh-Produktionen komponiert und produziert, mit 120 Euro Budget einen Gig von Wanda veranstaltet und Auftritte von Soap&Skin, Der Nino aus Wien oder der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune instrumental unterstützt. Bei mehr als 1000 Konzerten in zwölf Ländern ist er als Protagonist auf der Rampe gestanden.

Sentimentfreie Präzision

Seine universelle Umtriebigkeit bedingt und erklärt zugleich, dass sich Hebenstreits ureigener Output unter seinem imposanten Künstlernamen Sir Tralala vergleichsweise mickrig ausnimmt: "Echt gute böse Lieder", dieser Tage in Umlauf gekommen, ist erst sein dritter Longplayer.

2004 erschien das erste Sir-Tralala-Album, "Flying Objects, They Don’t Have A Brain". Fast ausschließlich in Englisch gehalten und mit einer verschleppten Coverversion von Nick Caves Delinquenten-Ballade "The Mercy Seat" als Ankerpunkt, schien es dem erfolgreichen Studenten des Orchesterspiels, der Harmonielehre, Violine und Gehörbildung am Landeskonservatorium in Klagenfurt eine Zukunft als anarchischer, keinerlei stilistischen Rahmungen unterworfener Elektronik-Bastler zu verheißen.

Der zweite, bereits fast zur Hälfte auf Deutsch bzw. im Dialekt eingesungene Streich, "Escaping Dystopia" (2009), spitzte jedoch die Musiksprache etwas zu: In klassizistischen Arrangements bezeugte Hebenstreit seine gediegene musikalische Ausbildung, demonstrierte Vertrautheit mit dem Werk Franz Schuberts, während er im herausragenden Song "Dem Buam sei Gruam" in Richtung jenes abgründigen Psycho-Blues driftete, den Nick Cave von jeher mit seinen Formationen Birtday Party, The Bad Seeds und Grinderman kultiviert hat.

Textlich manifestierte sich hier auch Hebenstreits eigentümlicher Erzählstil, dessen ungeschönte, sentimentfreie Präzision ziemlich erbarmungslos anmutet, paradoxerweise aber auch Empathie spüren lässt: "Der Bua liegt jetzt schon long in da Gruam / manchmal schaut d’Mama vorbei / Die Tränen werden scho weniger / a Bam wachst am Nesterl aus Stan."

Ungefähr da, wo er mit "Dem Buam sei Gruam" aufgehört hat, macht Hebenstreit mit dem zwischen Dialekt und Hochwienerisch driftenden neuen Album weiter: Auf "Echt gute böse Lieder", größtenteils im Alleingang eingespielt, finden die Songs das ideale Idiom für Themen wie desolate Familienverhältnisse ("I sauf") und Gefängnisleben ("Hundsblues") in einem räudigen Bluesrock, dem seine knochenklapprige Ausstattung durchaus gut ansteht. Der Abrundung halber lässt Hebenstreit auch wieder seine offenkundige Affinität zu Schubert hören, streut sogar Spurenelemente von Dubstep und mongolischen Obertongesängen ein und holt hin und wieder ein Stück Country in die Zonen der Stadt, die in keinem Touristenführer stehen. Wo Menschen leben wie die Frau, die ihre Seele verkauft "fia a bissl Glick, a Packl Tschick, a Antidepressiva und an billigen Schnaps zum Saufen".

Wehmütige Hymne

Gerne und recht salopp - mit einer Ausnahme sind alle Songs als hundertprozentige Eigenkreationen gezeichnet - bedient sich Hebenstreit dabei bei bewährtem Liedgut; am offensichtlichsten im Opener "Der uroide Wanderer", der auf dem Country-Traditional "Wayfaring Stranger" basiert.

Manchmal verwendet er eine vertraute Quelle auch als Sample, wie in "Stirb langsam" das französische Kinderlied "Frère Jacques" (in unseren Breiten zumeist bekannt als "Bruder Jakob"), aus dem sich eine große, feierlich intonierte Melodie mit einem eindrücklichen Text über das zerstörerische Wesen der Gier schält.

Eine Großtat ist indes auch das abschließende "Zwerndorf 2.0", die einzige ausgewiesene Fremdkomposition aus der Feder des Marchfelder Wirten Josef Helm (und auch von diesem selbst intoniert): Die dramatische Beschreibung einer unheilvollen Jagd im kalten Winter geht unvermutet über in eine wehmütige Hymne an die Schönheit der Welt. Einfach so.