Auf dem Karriere-Katapult: Daniil Trifonov im Jahr 2011 beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau. Der Russe gilt heute als Nonplusultra unter den Jungpianisten. - © epa/picturedesk
Auf dem Karriere-Katapult: Daniil Trifonov im Jahr 2011 beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau. Der Russe gilt heute als Nonplusultra unter den Jungpianisten. - © epa/picturedesk

Ein Sieg kann eine Karriere beflügeln. Ein Eklat aber noch mehr. 38 Jahre ist es her, da gingen die Wogen beim Chopin-Wettbewerb in Warschau hoch. Ein Jungpianist aus Kroatien zog die Blicke auf sich. Ivo Pogorelich hieß er und spaltete die Preisrichter. Der Exzentriker bekam vier Mal die Bestnote, genauso oft aber die tiefste und flog damit noch vor dem Finale aus dem Bewerb. Es folgte ein Erdbeben in der Jury. Zwei namhafte Pianisten protestierten öffentlich, eine dritte verließ das Gremium. "Er ist ein Genie!", donnerte die nicht ganz einfache Martha Argerich vor ihrem Abgang. Ein Star war geboren.

Unbehagen an der Konkurrenz

Die Geschichte vom Wirbel in Warschau wird bis heute gerne erzählt. Das liegt nicht nur an ihrem Skandalwert. Und nicht nur daran, dass Pogorelich das Publikum noch dieser Tage spaltet. Es hat wohl auch damit zu tun, dass sich in der Anekdote eine verbreitete Meinung widerspiegelt: Kunst und Punktewertungen - das passt einfach nicht zusammen.

Tatsächlich gibt es gute Gründe zur Skepsis gegenüber Klassik-Wettbewerben. Was lässt sich schon objektiv vergleichen, wenn zwei Pianisten hintereinander die "Mondschein"-Sonate spielen? Was, wenn sich mehrere Geiger an Bachs Partitas messen, wie nun beim Fritz-Kreisler-Wettbewerb in Wien? Sicher: die Anzahl der Fehler. In einem starken Teilnehmerfeld wird aber kaum gepatzt. Da müssen die Kunstrichter schon etwas anderes beurteilen, nämlich die Interpretation. Und an die lässt sich schwer eine Messlatte legen.

Außerdem: Sind diese Events zwischen Moskau (Tschaikowski-Bewerb), Helsinki (Sibelius Violin Competition) oder Brüssel (Concours Reine Elisabeth) nicht eigentlich recht kunstfern? Ein Frédéric Chopin hat sich beim Nocturne-Schreiben allerlei gedacht - aber wohl kaum, damit das Schlachtfeld für Virtuosen-Kämpfe zu liefern.

Und die Musiker lieben Wettkämpfe nicht unbedingt. Jedenfalls kommt bei dem Thema kaum Begeisterung in Künstlergesprächen auf. Mitgemacht haben aber viele. "Bis 16 habe ich viele Jugendwettbewerbe gespielt, dann aufgehört", erzählte die Pianistin Alice Sara Ott. "Generell gibt es etwas in mir, was sich gegen das Konzept Wettbewerb sträubt. Ich finde, mit Musik gegeneinander anzutreten und noch dazu vor Leuten, die das mit Punkten bewerten, widerspricht ein bisschen dem, was Musik eigentlich ist." Mezzosopran Gaëlle Arquez, an den führenden Bühnen daheim, hat in ihrer Jugend auch eher freudlos an Konkurrenzen teilgenommen. "Dieses Vorsingen und diese Konkurrenzen waren schwierige Momente. Du spürst eine Atmosphäre, die nicht die eines Konzerts ist. Ich hörte auf, sobald ich die Möglichkeit dazu hatte."