Der junge Meister: Prince im Jahr 1983. - © Warner/Allen Beaulieu
Der junge Meister: Prince im Jahr 1983. - © Warner/Allen Beaulieu

Durchaus für Gänsehaut sorgt allein schon die Tatsache, dass sich hier gewissermaßen ein Kreis schließt. Immerhin trug die letzte Konzertreise von Prince den Titel "Piano And A Microphone Tour" und ließ den Popstar sich an zwanzig ausgewählten Terminen solo am Klavier - und ohne Setlist - noch einmal für die Herausforderung abseits der bei ihm ohnehin nie wirklich regierenden Tourroutine entscheiden.

Nur eine Woche nach dem Abschlussauftritt in Atlanta erlag der Musiker dann in seinem Paisley Park Studio in Chanhassen in Minnesota einer Überdosis des Schmerzmittels Fentanyl. Einer der größten Popstars nicht nur seiner Generation wurde nur 57 Jahre alt.

Auf die Essenz reduziert

Im Jahr seines 60. Geburtstags erscheint nun posthum aber auch ein Album aus dem Archiv, für das der Titel "Piano & A Microphone 1983" aus nicht minder programmatischen Gründen gewählt wurde.

Die vor dem Umzug in sein neues Headquarter noch im gleichfalls in Chanhassen angesiedelten Kiowa Trail Home Studio solo am Klavier eingespielte Aufnahme datiert auf das Jahr 1983 und somit auf das Intermezzo zwischen dem Durchbruch von Prince mit seinem fünften Album, dem 1982 veröffentlichten "1999" mit hübsch sexuell verklausulierten Klassikern wie "Little Red Corvette", und dem Album, das zwei Jahre später zu seinem kommerziell bis heute erfolgreichsten wurde: "Purple Rain" um Hits wie das gleichnamige Titelstück oder weitere genre- und dekadendefinierende Songs wie "When Doves Cry".

Für die neun Songs des Albums "Piano & A Microphone 1983" dürfte es tatsächlich sehr schwierig sein, das Wort "intim" nicht zu gebrauchen - und das in einem für den Künstler eher untypischen Sinn. So auf unverfängliche Weise nahe wie hier ist man dem Sexy Motherfucker in Eigenbezeichnung vermutlich noch nicht gekommen.

Die bei gedimmtem Licht hinter zugezogenen Vorhängen aufgeführten und von Unmittelbarkeit verströmendem Bandrauschen begleiteten Songs präsentieren Prince einerseits in seiner Rolle als ungeschliffenes Musikgenie. Andererseits hört man die zeitlich vorbelasteten, weil aufgrund ihrer Sounds im Original nicht immer glücklich gealterten Songs in den Stripped-down-Versionen unverstellt und auf ihre Essenz heruntergebrochen. "17 Days", das wie die Mehrzahl der hier von Prince skizzierten Stücke erst in den Folgejahren oder - wenn überhaupt - noch später erschienen ist, gibt zum Auftakt den Ton an.

Mit Fuß-Metronom

Prince bittet darum, das Licht abzudunkeln, und legt am Klavier eine Art Riff aus, über dem er im Anschluss seine Songtexte meditiert. Das Klavier wurzelt mit Synkopen im Blues, bringt blaue Jazz-Noten ein oder deutet den später an der Gitarre im großen Stil aufgetischten Funk vorsichtig an. Mitunter wird in der Beatboxing-Methode eine rhythmische Idee vorgezeichnet, meistens aber gibt der Fuß oder Schuh des Meisters das Metronom zum Besten. "Purple Rain" dauert nur 87 Sekunden und kommt als frühe Miniatur mit Textfragment daher. Ein von Prince im Lauf seiner Karriere immer wieder auch live gebotenes Cover von Joni Mitchells "A Case Of You" lässt den späteren Feuerzeugalarm in der Mehrzweckhalle erahnen.

Zum Höhepunkt des Albums wird aber Song Nummer drei, eine auf Sperrstunden-Feeling und schweren Weltschmerz gebuchte Interpretation des aus dem Jahr 1915 stammenden Spirituals "Mary Don’t You Weep", das derzeit auch im Kino zu hören ist. In Spike Lees Film "BlacKkKlansman" kommt der Song im Abspann zum Einsatz.

Einige der Kerncharakteristika der Prince’schen Kunst sind auch in diesen also gänzlich ohne kreischende Stromgitarren, in die Länge gezogene Schwurbelsolos oder Funk aus der Körpermitte gereichten frühen Studien omnipräsent. Abgesehen von Frauen, die Baby oder Mama heißen, ist das vor allem auf die markanten bis markant durchgeknallten Stimmtechniken bezogen.

Diese zeugen vom raschen Wechsel aus dem Kellerstübchen ins Falsett über ein hysterisches Kreischen und Wimmern auch von schauspielerischen Qualitäten, die spätestens bei einem bisher unveröffentlichten Song namens "Cold Coffee & Cocaine" zutage treten. Ob dessen Titel auch die Erklärung dafür ist, warum man quer durch das Album Schnupfgeräusche hört, ist nicht überliefert. Gut möglich, dass Prince nur wieder einmal wegen Baby sehr traurig war.

Trotz des Rechte-Wirrwarrs um den im Argen liegenden Nachlass des toten Musikers scheint eine Veröffentlichungsflut post mortem wahrscheinlich. "Piano & A Microphone 1983" markiert diesbezüglich einen charmanten Auftakt.