Christoph und Lollos neues Album ist ein bitterböser Rundumschlag - und lustig. - © Ingo Pertramer
Christoph und Lollos neues Album ist ein bitterböser Rundumschlag - und lustig. - © Ingo Pertramer

Wien. Es gibt Liebeslieder. Es gibt Volkslieder. Es gibt Kirchenlieder, Trinklieder, Kinderlieder, Geburtstagslieder, Schispringerlieder. Moment. Schispringerlieder?

Sie haben noch nie von Schispringerliedern gehört? Das Genre des Schispringerliedes existiert seit ungefähr 25 Jahren. Als sein bedeutendster Vertreter gilt das Wiener Liedermacher-Duo Christoph und Lollo. Genaugenommen gelten die beiden als dessen einzige Vertreter. Sie haben das Schispringerlied erfunden. An die 30 Stück haben sie geschrieben und sind damit jahrelang durch die Lande gezogen.


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Im Schispringerlied geht es vorwiegend um traurige Schispringer mit seltsamen Namen. So werden etwa die Depressionen von Frantiek Jež, Jaroslav Sakala, Josef Brzuchanski oder Janne Väätäinen besungen. Marketingtechnisch kann hier getrost von einem Geniestreich gesprochen werden. Lieder über das Leid depressiver Schispringer mit komischen Namen - mehr Alleinstellungsmerkmal geht nicht. Trotzdem haben Christoph und Lollo - die eigentlich Christoph Drexler und Lorenz Pichler heißen - das Schispringerlied an den Nagel gehängt. Drei Alben seien genug, jetzt wird umgesattelt, beschlossen sie.

Rohkost, Durchfall und Grasser

Das war vor 14 Jahren. Heute können die beiden auf ein Füllhorn von Liedern - und fünf Alben - zurückblicken, in denen kein einziger Schispringer vorkommt. Mit Akustikgitarre und Gesang arbeiten sie sich durch ein uferloses Themenrepertoire - völlig konträr zur Monotonie früher Tage. Wer zehn Jahre über Schispringer singt, kann schließlich über wirklich alles singen. Die Materie wurde allerdings nicht weniger verschroben. Heute geht es um Fenchelrohkost, Bierdurchfall, giftige Zimmerpflanzen, Karl-Heinz Grasser und weniger infantile Themen, wie die Globalisierung, verlogene Boulevardzeitungen oder das Prekariat von Freiberuflern in der Medienbranche.

Dabei oszillieren die Texte zwischen handfester Blödelei und brillanter Gesellschaftskritik - oft auch innerhalb einer Nummer. Das Lied "Hipster" ihres neuen Albums "Mitten ins Hirn" macht sich etwa über den unkritischen Konsumdrang titelgebender Szene-Menschen lustig, reflektiert aber genauso das Ende des Klassenkampfes in einer Welt voller Selbstständiger. "12.000 Schulden, hey das macht doch nichts - wer Waldviertler trägt ist niemals Unterschicht - und wer zuhause eine Siebträgermaschine hat - der gehört nie und nimmer zum Proletariat". Häme? Ironie? Sarkasmus?