Einmal, vielleicht, wurde ich von einer Pressefrau gefragt, was mir "auf Anhieb zum Thema Sprache" einfalle. "Auf Anhieb nichts", gab ich zur Antwort, und dachte dabei an den Filmtitel "Bei Anruf Mord", vielleicht, weil er die gleiche Silbenzahl hat, wie meine Antwort, oder weil die Antwort wie aus der Pistole geschossen kam. Und weil ich schon beim Wort Mord war, erzählte ich diese Geschichte:

Bachmanns Kopf

In einer Parkanlage neben dem Klagenfurter Stadttheater befindet sich auf einer Marmorstele mit der Inschrift INGEBORG BACHMANN eine lebensgroße Bronzebüste. Anders als die meisten Büsten, die oft auch einen Oberkörperanschnitt zeigen, die Schlüsselbeine, die Schultern, besteht diese nur aus Kopf und Hals, einem Halsstummel eigentlich. Als ich die Büste das erste Mal sah, dachte ich sofort an einen früheren Vorgesetzten, der mir damit gedroht hatte, mir den Kopf abzureißen, wenn ich mich nicht von der Presse fernhielte, und dachte auch an den alten Brauch, Feinde und Verräter zu enthaupten, ihre Köpfe aufzuspießen und auszustellen, und an das Märchen von der Gänsemagd und ihrem Pferd Falada, dessen Kopf - von der falschen Braut abgehackt und vom Fleischhauer an ein Tor genagelt - jedes Mal zu dem Mädchen sprach, wenn es zum Torbogen kam. "O Falada, da du hangest!" "O Jungfer Königin, da du gangest (. . .). Wenn das deine Mutter wüsste, das Herz tät ihr zerspringen."

Bachmann-Büste in Klagenfurt. - © Zacke 82
Bachmann-Büste in Klagenfurt. - © Zacke 82

Was, so dachte ich weiter, wenn der Kopf der Ingeborg Bachmann unverhofft zu mir redete? Man weiß es von alten Erzählungen: Oft sind nach Enthauptungen noch Reaktionen des abgetrennten Kopfs zu erkennen. Mancher spricht noch oder schließt die Augen, sobald man ihn blendet oder erschreckt. In alten Zeiten soll es Scharfrichter gegeben haben, die mehrere Schwerthiebe benötigten, den Kopf vom Rumpf zu trennen. Todeskandidaten, die es sich leisten konnten, steckten ihrem Henker hohe Geldsummen zu, um eine Hinrichtung in einem Zug zu erhalten.

Jemandem den Kopf abzureißen, weil er sich nicht von der Presse fernhält, ist unangemessen, denke ich nun, da ich an die Pressefrau denke - und daran, was mir "auf Anhieb . . .", Hieb! . . . "Soll ich ein bisschen ausholen?", fragte ich die Pressefrau; "Auf Umwegen fällt mir immer was ein. Denken Sie nur: Oktober!"

Denken Sie nur: Vor drei Wochen bat mich ein Klagenfurt-Besucher, ihm die Bäume zu zeigen, von denen Ingeborg Bachmann schrieb, dass man sie an schönen Oktobertagen von der Radetzky-straße kommend neben dem Stadttheater in der Sonne sehen könne. Er sehe dort nämlich zwar überall Bäume, aber vielleicht nicht dieselben Bäume, von denen Ingeborg Bachmann schrieb, dass man sie an schönen Tagen . . . und es sei schon Ende September und Ende September so gut wie Oktober . . .