Sie ist die unangefochtene Königsdisziplin des Liedgesanges: Schuberts "Winterreise". Und sie ist nicht nur technisch eine Herausforderung, sondern mindestens ebenso Charaktersache. Die 24-teilige Reise nach Gedichten von Wilhelm Müller führt durch existenzielle, schwermütige, wütende wie irrationale Seelenlandschaften.

Am Donnerstag unternahm Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager den Versuch, sich in der Staatsoper diesen - traditionell von Männern gesungenen - Zyklus anzueignen. Ihrer angestammten vokalen Trümpfe, der bestechenden Natürlichkeit und der schelmischen Koketterie, beraubt, tat sich die Kammersängerin zu Beginn sichtlich schwer mit den grüblerischen Kleinoden. Die Stimme rauchig fand sie erst im "Lindenbaum" zu jener erzählerischen Ruhe, die sie auszeichnet. Die dynamischeren Stücke, wie etwa "Frühlingstraum" oder "Die Post" kommen ihr da mehr entgegen als die düsteren Seelenbilder.

Erst im zweiten Teil entstand aus der gestalterischen Angestrengtheit eine Form der Dringlichkeit, gelang es Kirchschlager, sich den Zyklus anzueignen und die Grenzen ihrer Stimme gekonnt als Gestaltungelemente zu nutzen. Julius Drake am Klavier bildete zum warmen, fast rauen Mezzo Kirchschlagers mit seiner zurückgenommenen, fein verknappten Lesart einen schönen Gegenpol. Gemeistert hat Kirchschlager den vokalen Solitär, ihr Lebenszyklus wird er nicht werden.