Bei der Vorspeise noch Fremde , beim Dessert vielleicht schon Freunde. - © privat.
Bei der Vorspeise noch Fremde , beim Dessert vielleicht schon Freunde. - © privat.

Wien. Der Wiener ist ein scheues Wesen. Es bedarf viel Geduld, sich in seine Lebenswelt einzuklinken. Behutsam muss man als Fremder hier vorgehen. Über Arbeitskollegen knüpft man zaghaft die ersten Kontakte, absolviert marathonähnliche Beisl-Besuche jeden Abend und hofft auf die Gnade verkuppelungswütiger Bekannter, die einem von einer Hausparty zur nächsten mitschleppen.

Dass es auch einfacher gehen muss, wollen Monika Kalcsics und Eugene Quinn beweisen. Jeden Monat lädt das Paar Wiener und Nicht-Wiener in ein Kaffeehaus zu den "Vienna Coffeehouse Conversations." Hier trifft Studentin auf Investmentbanker, Arbeiter auf Diplomat, Favoritner Urgestein auf transdanubischen Expat. Zwei Stunden lang sitzen sich die zwei Fremden dann gegenüber, verzehren in einem traditionellen Kaffeehaus gemeinsam österreichische Hausmannskost und arbeiten einen Fragenkatalog der besonderen Art ab: "Wogegen haben Sie als Kind rebelliert? Wo sind die Grenzen Ihres Mitgefühls? Wie wichtig ist Ihnen Geld? Was haben Sie in Ihrem Leben bereut?" Mit einem Ruck wird an alle jenen Schubladen gerüttelt, in denen man sein Gegenüber wähnte. Bei Gulasch und panierten Gemüse wird der gierige Investmentbanker plötzlich zu einem liebenden Großvater, die anarchistische Studentin zu einer Sammlerin teurer Vintage-Taschen und die lebensfrohe Australierin zu einer Witwe auf Selbstfindungstrip in Europa.

"Es ist interessant daraufzukommen, wie sehr wir alle in Parallelwelten leben", sagt Kalcsics. Die gebürtige Grazerin erinnert sich noch gut an ihr erstes Abendessen mit einem Fremden. Zwei Stunden lang ist sie, die globalisierungskritische Radiojournalistin, in London einem australischen Börsenmakler gegenübergesessen. "Am Ende des Gesprächs habe ich ihn nicht mehr gemocht, aber meine Vorurteile wurden zu Urteilen. Und das ist wichtig, dass ich ihn danach einfach respektiert, aber nicht seine Lebensanschauung geteilt habe", erklärt die 39-Jährige.

Die Leute sollen
politisch inkorrekt sein


So kann es passieren, dass man einem Freitagabend im Café am Heumarkt im 3. Bezirk einer alten Dame aus Hong Kong gegenübersitzt, die seit 40 Jahren in Australien lebt und zurzeit mit ihrer Tochter durch Europa reist. Bei der Vorspeise erfährt man von ihrem verstorbenen Gatten, mit dem sie, die ehrgeizige Informatikerin, viel zu wenig Zeit verbracht hat, bei der Hauptspeise, wie sehr sie sich über ihre chinesischen Landsleute und ihre Manieren in ihrer neuen Heimat ärgert, und beim Dessert tauscht man die E-Mail-Adressen.