Zur Synagoge dürfen Juden nicht mit Schirm gehen. - © Harrington/corbis
Zur Synagoge dürfen Juden nicht mit Schirm gehen. - © Harrington/corbis

Gemessen daran, dass es manchmal nicht ganz unkompliziert ist, außerhalb Israels Jude zu sein, bemühen sich derzeit verblüffend viele Menschen, Juden zu werden: In manchen jüdischen Gemeinden Deutschlands bewerben sich zehnmal so viele Menschen um den Beitritt, wie diese Gemeinden Mitglieder haben (für Österreich gibt es leider keine Zahlen).

Bedenkt man noch dazu, dass die Konversion mit einem erheblichen Aufwand an Lernen verbunden ist und im Durchschnitt drei bis zehn Jahre dauert, erscheint nahezu unverständlich, wie es zu diesem eigentümlichen religiösen Trend gekommen sein könnte.

Am erfolgreichen Missionieren der Juden kann es jedenfalls nicht liegen: Das Judentum ist eine der wenigen Religionen, die nicht nur nicht missionieren, sondern Beitrittswillige tendenziell nicht gerade ermutigen. Das hat auch der Deutsche Eliyah Havemann erfahren müssen, der vor einigen Jahren zum Judentum konvertiert ist, seither in Israel lebt und darüber ein recht intelligentes Buch verfasst hat: "Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?"

Jüdische Wurzeln verspürt


Havemann, der Sohn von Wolf Biermann und Sybille Havemann, der Tochter des DDR-Regimekritikers Robert Havemann, ist, so schreibt er jedenfalls, zum Judentum konvertiert, weil schon sein Großvater Dagobert Jude gewesen sei; er also "jüdische Wurzeln" in sich verspürt habe. Andere Konvertiten, so hat er beobachtet, seien einfach mit dem Christentum nicht mehr zufrieden - dieses gäbe den Menschen "nichts mehr, wo sie sich festhalten können" - oder hielten die Juden gar für eine irgendwie überlegene Spezies Mensch und folgten daher letztlich antisemitischen Stereotypen.

"Zum Judentum zu konvertieren ist kein einfaches Unterfangen", resümiert Havemann. Als Erstes müsse sich der künftige Jude eine Gemeinde suchen, Lehrer und Rabbiner und schließlich ein jüdisches Gericht - und "all diese Institutionen werden Sie erst einmal ablehnen". Mehr als 600 Gebote muss der angehende Jude lernen, dazu jede Menge an Gebräuchen, Sitten und Alltagsregeln, bevor er schließlich in der "Mikve", dem rituellen Bad, untertaucht und damit vollwertiges Mitglied der Gemeinde wird.

Wobei Männern noch ein anderes, delikates Prozedere vorgeschrieben ist, die Beschneidung, ein für erwachsene Konvertiten nicht eben erfreulicher Vorgang: Denn es ist dem Manne "für ungefähr sechs Wochen lang schwierig, die Toilette zu benutzen. Über andere Anwendungen des männlichen Zentralorgans möchte ich gar nicht nachdenken..."

Gekonnt balanciert Havemann in seiner recht detaillierten Beschreibung die Unterschiede zwischen einem jüdischen und einem nichtjüdischen Leben zwischen deutlich spürbarem Respekt für seine neue Religion und einer fröhlichen Ironie, die er für manche eher ungewöhnlich anmutende Regeln des Judentums übrig hat - wie etwa, dass Frauen in der Öffentlichkeit zwar singen dürfen, aber nur, wenn sie dabei ein Mikrofon benutzen. "Mindestens in der modern-orthodoxen Welt ist es aber nicht so, dass eine singende Frau mit Steinen beworfen wird", amüsiert er sich, "auf meiner Hochzeit hat die Mutter meiner Frau, die nicht religiös ist, auf der Bühne gesungen. Der Rabbiner, der uns verheiratet hatte, blieb sitzen und hörte sich das an. Aber ein paar andere religiöse Gäste sind rausgegangen."

Systematisch beschreibt Havemann - von Wohnung, Familie und Essen über Urlaub, Musik und Filme bis hin zu Feminismus, Dating und Sexualleben sowie "Klamotten und Styling" -, wie sich das Leben eines Menschen verändert, der Jude wird.

Verkuppeln als Volkssport


Auch wer nicht im Traum daran denkt, das alles auf sich zu nehmen, gewinnt dabei interessante und in ausgesprochen sympathischem Tonfall beschriebene Einsichten in das jüdische Leben. Wie etwa, dass "Verkuppeln ein jüdischer Volkssport" ist und die meisten Ehen im orthodoxeren Milieu arrangiert werden; dass "die Pille im Judentum ein legitimes Mittel der Familienplanung ist" und selbst Abtreibung "nicht tabu ist".

Wir erfahren, was beim Gottesdienst in einer Synagoge eigentlich passiert und dass man am Weg dorthin auch bei strömendem Regen keinen Schirm verwenden darf - und hunderte andere Eigenheiten des Lebens als Jude. Jude zu werden, meint der Autor, ist "wie eine Reise". Sein Buch ist ein durch und durch lesenswerter Reiseführer geworden, auch für jene, die diese Reise nie antreten werden - wozu er übrigens auch dringend, wenn auch nicht ohne Koketterie, rät.

Sachbuch

Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?

Eliyah Havemann

Ludwig, 240 Seiten, 20,60 Euro