Wie kein anderer westlicher Staat hält Israel Territorium eines anderen Volkes besetzt. Israel ist aber auch das einzige westliche Land, das in seiner Existenz bedroht ist. Besetzung und Bedrohung machen zusammen die Seinsbedingung aus, unter der Israel existiert. Mit dieser ständigen Angst vor Zerstörung - wie in letzter Zeit durch einen möglichen atomar bewaffneten Iran oder durch radikale islamistische Gruppierungen wie die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) oder durch die schiitische Hisbollah im Libanon - hat Israel zu leben gelernt.

Die im Gazastreifen regierende Hamas muss sich mittlerweile selbst gegen noch radikalere Extremistengruppen im eigenen Haus behaupten. Seit den Tagen Theodor Herzls hat der Zionismus ein außergewöhnlich hohes Maß an Entschlossenheit, Innovationskraft, aber auch Anpassungsfähigkeit bewiesen. Mit der im Zuge des Holocaust erfolgten Masseneinwanderung von osteuropäischen Juden nach Israel wurde diese zum Problem, die den arabischen Widerstand anstachelte.

Shavit tritt für eigenständigen Palästinenserstaat ein


Aus diesem Grund wurde das "zionistische Projekt" nicht das, was es hätte werden können: ein gut geplantes "Ingenieurprojekt". Vielmehr wurde der Zionismus zu einem "unrühmlichen Prozess des Improvisierens" - der unvollkommenen Lösungen für akute Schwierigkeiten, der Auseinandersetzung mit immer neuen Bedürfnissen, der Anpassung an neue Gegebenheiten.

Der israelische Journalist Ari Shavit beleuchtet in seinem tiefgründigen Buch die geschichtliche Entwicklung des jüdisch-westlichen Staates in einer vielfach feindlichen arabisch-islamischen Umgebung und untersucht unter Einbeziehung der Erfahrungen seines Urgroßvaters im Spannungsfeld zwischen ständigem Überlebenskampf und schuldbehafteter Tragik die Existenzbedingungen des Staates Israel. Als ehemaliger Angehöriger einer israelischen Eliteeinheit der Fallschirmspringerverbände war Shavit bei nächtlichen Razzien in den besetzten Palästinensergebieten dabei. Die oft rüden Okkupationspraktiken hatten für Shavit nichts mit der Verteidigung seiner Heimat zu tun. Im Laufe der Zeit wurde er zum überzeugten Pazifisten und Befürworter eines eigenständigen palästinensischen Staates. "Obwohl ich gegen die israelische Besetzung palästinensischer Gebiete aufbegehre, bin ich für sie verantwortlich", betont er.

Fast 120 Jahre, nachdem er ins Leben gerufen wurde, ist der Zionismus wieder mit seinen grundsätzlichen Widersprüchen konfrontiert. Alle Bürger dieses Staates müssen sich demnach überlegen: Warum Israel? Was ist Israel? Wie schaut die Zukunft aus? Während Europa rasch altert, ist Israel ein junges Land. Die Hälfte aller Israelis ist unter dreißig. Jenseits aller jüdisch-ultraorthodox-nationalistischen Strömungen, die die Demokratie in Israel von innen her bedrohen, müsste das demokratische Gemeinwesen und damit der Geist der "Republik vom Herzlberg" erhalten beziehungsweise wiederhergestellt werden.

Andere Zukunftsoptionen wie ein "Israel als krimineller Staat", der in besetzten Gebieten ethnische Säuberungen durchführe, oder Israel als "Apartheidstaat" sind für Shavit keine zukunftsorientierten Wege für sein Land. Die fortgesetzte Besetzungspolitik, jüdischer Extremismus und religiöser Fundamentalismus torpedieren die Unterstützungsbereitschaft der Freunde, die Israel noch geblieben sind, hält der Autor fest. Dazu kommt eine gefährliche geostrategische "Selbstzufriedenheit" mancher junger israelischer Bürger in ihrem Staat, die sich aufgrund der eigenen militärischen und technologischen Überlegenheit vor den Unwägbarkeiten des Nahen Ostens einigermaßen "sicher" wähnen.

Angesichts der Kriege direkt vor der eigenen Haustüre müsse Israel, meint Shavit, wehrhaft und wachsam bleiben - und dennoch das Ziel einer Zwei-Staaten-Lösung trotz aller Schwierigkeiten im Auge behalten.

Was die jüdische Nation zu bieten habe, seien nicht Sicherheit, Wohlbefinden oder Seelenfrieden, sondern Lebensfreude gegen alle Hindernisse.