Mark Siegelberg und seine Frau Amalie Sophie, aufgenommen in Wien, bevor sie ins Exil gehen mussten. - © Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien (Akte 22061).
Mark Siegelberg und seine Frau Amalie Sophie, aufgenommen in Wien, bevor sie ins Exil gehen mussten. - © Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien (Akte 22061).

Literarische Nachlässe erweisen sich immer wieder als ergiebige Fundgruben, gerade dann, wenn sie aus einer ganz anderen Zeit oder aus einem ganz anderen Land kommen. Dies betrifft nicht nur die Hinterlassenschaften von Autoren, die vor den Nazis nach Israel, in die USA oder nach Südamerika flüchten mussten, sondern auch - oder sogar insbesondere - jene Schriftsteller, die an so abgelegenen Orten wie Shanghai Zuflucht fanden.

Zu dieser zweiten Rubrik zählt der heute nahezu vergessene Wiener Zeitungsmacher, Radiojournalist und Autor Mark Siegelberg (1895-1986), der nach einer abenteuerlichen Flucht übers Meer in der chinesischen Millionenmetropole Karriere als Bühnenautor machte. Im Schatten der großen Weltpolitik gelang es nach dem "Anschluss" Österreichs und vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch fast 20.000 jüdischen Exilanten aus Wien und Berlin, dort anzulanden. Shanghai war dazumal die einzige Stadt weltweit, die noch Flüchtlinge aufnahm - kein sicherer Hafen, aber ein Ort, wo sich niemand für staatenlose Emigranten interessierte.

Stadt der Widersprüche

Die Stadt war binnen weniger Jahre auf vier Millionen Menschen angewachsen: hier die mondäne Skyline der ersten Hochhäuser der internationalen Finanzelite, dort die Elendsviertel der massenhaft in die Stadt strömenden Landbevölkerung. Einige tausend Amerikaner, Engländer, Franzosen und Nazi-Deutsche, durchwegs gut situierte Geschäftsleute, Diplomaten und Agenten, lebten neben zehntausenden Flüchtlingen aus Russland und Millionen Chinesen. Armut, Hunger, Prostitution, Gewalt und Terror waren allgegenwärtig. Es gab zwei autonom verwaltete Ausländerbezirke, die schönsten Shanghais, wo das Kapital regierte: das "International Settlement" und die "Französische Konzession". Dahinter war chinesisches Niemandsland, in den turbulenten Dreißiger Jahren Schauplatz blutiger Gemetzel.

In diese Szenerie tauchte Mark Siegelberg ein, wie einige dutzend weitere Journalisten, Autoren, Musiker und Theaterleute aus Mitteleuropa. Sie hielten sich so gut es ging über Wasser - in den seltensten Fällen als Künstler, zumeist als improvisierte Tagelöhner. Was immer an Kunst und Literatur entstand, es blieb weitgehend im Verborgenen, zu groß waren die Not und der Kampf ums nackte physische Überleben.

Als einer der wenigen schaffte es Siegelberg - wenn auch nur vorübergehend - zu bescheidenem Wohlstand, zumal er im Exil seine journalistische Tätigkeit nahtlos fortsetzen konnte. Die chinesische Großstadt verfügte über eine vielfältige Publizistik in westlichen Sprachen. Gemeinsam mit Journalisten verlegte der Wiener erfolgreich Tageszeitungen (wie etwa die "Shanghai Jewish Chronicle") und produzierte Radio mit Unterstützung der britischen Gesandtschaft, mit der er kooperierte.