Was wir schon immer oder vielleicht gar nie über Muse wissen wollten: Meinen die das wirklich ernst? Diesen inhaltlichen Schwulst, diesen bis zum Gehtnichtmehr aufgeblasenen Prog-Ballast? Ganz so sicher kann man das nicht sagen. Solche Unsicherheit ist aber wiederum dem bewussten Kalkül des britischen Trios geschuldet: Bei öffentlichen Statements wie 2012 der Ankündigung zum Muse-Album "The 2nd Law", das laut Sänger, Gitarrist und Songschreiber Matt Bellamy eine "christliche Gangsta-Rap-Jazz-Odyssee mit ambientlastigem rebellischem Dubstep und beinharter Metal-Flamenco-Cowboy-Psychedelia" werden sollte, ist das Grinsen hinter der nur pro forma vorgehaltenen Hand kaum zu übersehen.

Gaming-inspiriert

Andererseits wird jeder Furz aus dem Hause Muse gleich als tonnenschwere Geste geliefert. Wenn Muse, nach einer Serie dystopisch-apokalyptischer, von Big Brother und unbemannten Kampffluggeräten heimgesuchter LPs nun ankündigen, ein weniger dusterliches, auf gewisse Weise sogar spielfreudiges, weil von Computer Games inspiriertes Album machen zu wollen, dann will das bitteschön in gebührender Ehrfurcht als konzeptionelle Großtat wahrgenommen und dissertationsreif erörtert werden.

"Simulation Theory", Muse-Longplayer Nummer acht, stellt die Frage nach dem Verhältnis zwischen Fantasiewelten und Realität und findet dabei - als dramaturgischer Leitfaden ein aufgelegter Elfer - fließende Übergänge. Will heißen: Wir bekommen es mit einem Wechselspiel zwischen Realität und Fantasiewelt/Wahn zu tun - sowie mit der daraus resultierenden Desorientierung des Menschen. So weit, so vorhersehbar. Musikalisch aber hat die Band, die wie eine Kreuzung aus U2, den klassischen Queen (=Queen als Klassik-Rocker), Rush und frühen Radiohead minus das genuin giftige Leichenbitter in Thom Yorkes Stimme klingt, eine tatsächlich eigenartige Kurve gekratzt und Synthie-Rock der Marke "Jump"-Van-Halen für sich entdeckt. Das ist schon komisch für einen Act mit einer Spielanlage, der die Online-"Bibel" Pitchfork eine implizit feindliche Einstellung zu Synthesizer-basierter Musik bescheinigt.

Und lustigerweise funktioniert das Ganze weitgehend. Nicht dass die Beiträge der Synthesizer per se besondere Offenbarungen zu bieten hätten - aber wie sie den Muse-Sound interpunktieren, hat seine Reize und auch Momente von verquerem Humor. Am deutlichsten zutage tritt das in "Propaganda", das wie eine Mischung aus Prince, den Flaming Lips zur Zeit von "At War With Mystics" und einem aufgedrehten Computerspiel-Soundtrack anmutet. "Dig Down" als eine Art maschineller Gospel ist auch nicht schlecht, "Break It To Me" als Industrial-Stampfer recht ordentlich. Der hübsche, elektronisch nur leicht angenebelte Folkrock-Song "Something Human" darf sogar tax- und ironiefrei als echter Höhepunkt gewertet werden.

Passionsspieler-Pathos

Freilich haben Muse in ihrer gemeinsam mit Rich Costey, Mike Elizondo, Shellback und Timbaland realisierten Produktion Sorge getragen, ihre Millionen Fans nicht zu brutal zu überfordern: "Thought Contagion" ist purer wagnerianischer Muse-Pomp; in "Blockades" und "Get Up And Fight" verströmt Bellamy gesanglich und gitarristisch sein ganzes Passionsspieler-Pathos für gefüllte Stadien. Und letztlich ist es auch mit der verheißenen "leichteren" Befindlichkeit nicht so weit her. Gleich im ersten Song, "Algorithm", finden "wir" (als lyrisches Subjekt) uns in Käfigen, überflüssig gemacht durch Algorithmen. "This means war with your Creator", greint Bellamy in seinem charakteristischen Falsett.

Ehrensache, dass dabei - Stichwort hohles Pathos - offengelassen wird, welcher "Creator" denn nun gemeint ist. Der Allmächtige? Den würde so ein mickriger Kleinkrieg kaum kratzen. Wozu dann also die ganze Aufregung?! Und wenn "The Dark Side" Wege des Aus- und vielleicht Aufbruchs wenigstens noch sucht, so spricht Bellamy gleich im anschließenden "Pressure" seine Kapitulation aus: "I’m trapped and my back’s up agaist the wall / I see no solution or exit out". Also doch nicht allzu viel Neues unter der sich verdunkelnden Sonne.