Sie mag sechs Millionen Platten verkauft haben und das Bild einer modernen Soul-Diva abgeben. Aber ihr erster Auftritt in Wien ist ganz Demut und Ehrfurcht vor großer Tradition. "Guten Abend, Wien!" begrüßt Corinne Bailey Rae, üppig gelockt, schwarz gewandet und angetan mit Glitzerstiefeln Marke 70er Jahre, auf Deutsch das altersmäßig gut durchmischte Publikum in der dicht, aber nicht voll besetzten Staatsoper.  Und gab ihrer Freude Ausdruck, in einer historisch so bedeutenden Spielstätte auftreten zu dürfen. Spätestens da hatte Rae das ganze Haus für sich gewonnen.

Das Konzert der 39jährigen britischen Sängerin und Gitarristin war Teil des Jazzfests Wien. Und im Unterschied zu vielen prominenten Acts, die über die Jahre weg beim Jazzfest aufgetreten sind, passt Rae tatsächlich in den Rahmen. Gerne vermittelt sie ihre persönliche, von Größen wie Stevie Wonder, Bill Withers oder Roberta Flack beeinflusste Deutung von Soul über einen dezenten Jazz-Groove, der ihrer Musik eine gewisse Elastizität verleiht.

Dazu besingt Corinne Bailey Rae mit einer Stimme, deren Volumen und emotionale Nuancen keine Grenzen zu kennen scheinen, die Liebe und insbesondere ihre herausfordernden Aspekte, die sie nicht als negativ begreift. Wenn Rae eine leise Schwäche hat, dann liegt sie im kompositorischen Bereich - ein paar ihrer Songs könnten etwas mehr Abwechslung, Pop-Appeal und Verve vertragen.

Dieses kleine Defizit fällt live allerdings kaum mehr ins Gewicht, denn zum einen kann sich Rae außer an ihrem eigenen, drei LPs schweren Fundus auch bei ausgesuchten Fremdkompositionen wie Bob Marleys "Is This Love" bedienen; zum anderen peppen ihre exzellenten Tourbegleiter an Gitarre, E-Piano, Keyboards, Bass und Schlagzeug den Sound gehörig mit Spannung und Fallhöhe auf. Sie bekommen auch ausreichend Gelegenheit, ihre Fertigkeiten vorzuführen.

Die Hauptakteurin, die anfangs noch mit ausladenden Armbewegungen die Aura einer gewissen gravitätischen Schwere vermittelte, lockerte sich rasch und fegte am Ende ausgelassen über die Bühne. Freimütig gab sie Einblicke in ihre Arbeits- und Gefühlswelt, bekundete ihre Absicht, die Klimt-Ausstellung anzuschauen; erzählte, was für ein Privileg es sei, wegen und mit  ihrer Musik reisen zu können und dass der Frühling ihre favorisierte Jahreszeit ist, worauf sie passenderweise ein beseeltes "Green Aphrodisiac" von ihrem bislang letzten Album "The Heart Speaks in Whispers" (2016) zum Besten gab.

Weitere Höhepunkte des Abends waren "Do You Ever Think of Me?" das Rae - unter Einarbeitung von Songs des großen Curtis Mayfield - zusammen mit Motown-Legende Valerie Simpson geschrieben hat, der angeregt-romantische Städtetrip "Paris Nights / New York Mornings" und zum Abschluss des regulären Sets ein sehr flottes "The Skies Will Break". Da tanzten bereits etliche Besucher auf den Gängen zwischen den Sitzblöcken. Und kaum jemand saß mehr.