Wien. Die Vermögensunterschiede wachsen schneller als die Einkommensunterschiede, sagt Wirtschaftswissenschafter Arno Gahrmann. In seinem jüngsten Buch "Wir arbeiten und nicht das Geld. Wie wir unsere Wirtschaft wieder lebenswert machen" beschreibt er, wie der Geldüberhang auf den Finanzmärkten die Ungleichverteilung der Vermögen verstärkt.

Eigentlich könnte immer Sale sein: Zinsen und Gewinne machen dreißig Prozent vom Verkaufspreis aus, erklärt Wirtschaftswissenschafter Arno Gahrmann.

- © Foto: reuters
Eigentlich könnte immer Sale sein: Zinsen und Gewinne machen dreißig Prozent vom Verkaufspreis aus, erklärt Wirtschaftswissenschafter Arno Gahrmann.
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"Wiener Zeitung": Herr Gahrmann, der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende der Siemens AG, Peter Löscher, erhält mehrere Millionen Euro Abfindung. Aus Ihrer Sicht ist das wohl weniger ein ethisches als ein wirtschaftliches Problem?

Arno Gahrmann: Ich will die Tatsache, dass die einen arg wenig verdienen und andere arg viel, nicht moralisch bewerten. Gesamtwirtschaftlich aber ist mir wichtig, dass ein Kreislauf entsteht und nicht irgendwo Ressourcen entzogen werden. Das ist aber bei solch hohen Abfindungen der Fall, weil sie zu Lasten der Arbeitnehmer aufgebracht werden, dann aber wahrscheinlich auf den Finanzmärkten zirkulieren und nicht zu einer entsprechenden Nachfrage und damit Arbeit und Einkommen führen. Wir haben seit Jahren einen riesigen Geldüberhang auf den Finanzmärkten, der immer verzweifelter nach Anlagen sucht. Über steigende Immobilien- und Nahrungsmittelpreise spürt man das in der Realwirtschaft. Er verstärkt außerdem die Ungleichverteilung der Vermögen.

In Österreich besitzt das oberste eine Prozent 37 Prozent des Gesamtvermögens, wie aus einer Studie der Universität Linz hervorgeht. Wie wandert dieses Geld nach oben?

Der Mechanismus wird über die Zinsen und den Konsum vermittelt, weniger über die ungleichen Einkommen: In Deutschland liegt selbst die durchschnittliche Eigenkapital-Rendite bei stolzen 20 Prozent nach Steuern. So ist es kein Wunder, dass ungefähr ein Drittel des Volkseinkommens in Deutschland, in Österreich ist das ähnlich, für Gewinne und Zinsen verwendet wird. Das bedeutet, dass in allen Gütern und Dienstleistungen Zinsen und Gewinne aller Stufen der Herstellung enthalten sind. Bei einem Auto macht dies etwa die Hälfte des Neupreises aus, bei anderen Produkten sind es durchschnittlich 30 Prozent. Wer sehr viel Kapital bzw. Vermögen hat, erhält somit kontinuierlich mehr an Zinsen und Gewinnen, als er durch seinen Konsum zahlt. Das Umgekehrte gilt für die ärmeren Schichten. In Deutschland erhalten so die reichsten zehn Prozent der Haushalte jährlich 200 Milliarden Euro von den - finanziell gesehen - unteren 70 Prozent, das sind durchschnittlich 600 Euro pro Monat. Das erklärt, warum die Vermögensunterschiede schneller wachsen als die Einkommensunterschiede.