Fort Lauderdale. (gral) Der Weiße Hai übt seit jeher eine große Faszination auf den Menschen aus. Allerdings wird ihm nach wie vor ein äußerst schlechter Ruf zuteil. Sein Bild ist geprägt durch wiederkehrende Angriffe auf Menschen, die medial gehypt werden, aber auch Stoff für Spielfilme bieten. Seine Größe und Kraft wirken bedrohlich. Taucher wiederum sind fasziniert von seinen eleganten Bewegungen - und Forscher von seinem Genom. Denn trotz der immensen Größe und auch Langlebigkeit der Tiere bleibt der Weiße Hai von schweren Erkrankungen verschont. Ein Wissenschafterteam der Nova Southeastern University (NSU) in Florida hat nun das gesamte Erbgut der Spezies entschlüsselt, um hinter seine bemerkenswerten Eigenschaften zu kommen.

Ein paar Eckpunkte: Der Weiße Hai erreicht eine Körperlänge von bis zu sechs Metern und ein Gewicht von bis zu 3000 Kilogramm. Seine Tauchkünste reichen bis in eine Tiefe von rund 1200 Meter. Das Höchstalter der Männchen liegt bei mindestens 73 Jahren, das der Weibchen bei mindestens 40 Jahren. Damit gehören sie zu den langlebigsten Knorpelfischen. Das Genom der Tiere beträgt das Eineinhalbfache des Menschen. Im Vergleich zu diesem beherbergt es aber eben auch eine Fülle an genetischen Besonderheiten.

Kein Krebs im Hai

Gewicht und Langlebigkeit sind zwei Merkmale von Lebewesen, die für gewöhnlich mit einer hohen Anfälligkeit für Krankheiten einhergehen. Beim Menschen sind dies vor allem Krebserkrankungen, aber auch neurodegenerative Leiden wie Alzheimer oder Parkinson. Dem Weißen Hai ist dies absolut fremd, betonen die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences". Und der Grund dafür sei eben im Erbgut zu finden. Mit einem speziellen genetischen Mechanismus ist den Tieren eine besonders hohe Stabilität des Erbguts eigen. Die Forschung spricht dabei von der sogenannten genomischen Stabilität. Diese aufrechterhalten zu können, ist überlebenswichtig. Gesichert wird sie durch die regelmäßige Reparatur beschädigter DNA und das konsequente Aussondern irreversibel geschädigter Zellen. Für diese Prozesse sind eine Reihe an Genen zuständig, von denen der Weiße Hai besonders viele besitzt, erklärt Mahmood Shivji vom Shark Research Center der NSU. Sie stehen in enger Verbindung mit dieser DNA-eigenen Reparaturfähigkeit.

Das Genom des Weißen Hais besitzt zudem eine sehr hohe Anzahl an "springenden Genen" oder sogenannten Transposons. Sie sind in der Lage, sich selbst zu kopieren und in andere teilweise weit entfernte Abschnitte der DNA "hineinzuspringen". Von besonderer Bedeutung sind dabei die LINEs (long interpersed nuclear elements) genannten Transposons. In der Medizin sind einige Erkrankungen darauf zurückzuführen, dass LINEs bestimmte Gene durch einen solchen springenden Austausch aktivieren oder auch inaktivieren. Im Weißen Hai dürfte ihr vermehrtes Vorhandensein eine bessere DNA-Reparatur ermöglichen, schreiben die Forscher. Und noch eine weitere Besonderheit liegt in den Genen begründet. Nämlich die bemerkenswert schnelle Wundheilung, für die Haie auch bekannt sind.

Schutz der Art

Mit diesen Erkenntnissen haben wir vermutlich vorerst nur die "Spitze des Eisbergs" freigelegt, betonen die Forscher. Sie hoffen auf weitere Details, um der genomischen Stabilität gründlicher auf die Spur zu kommen.

Denn das Gegenteil - die genomische Instabilität - ist die Ursache für viele ernsthafte Erkrankungen des Menschen. "Nun haben wir herausgefunden, dass die Natur schlaue Strategien parat hat, um auch in großen und langlebigen Tieren eine Stabilität des Genoms sicherzustellen", erklärt Shivji. Die Forscher hoffen, die Entdeckungen im Kampf gegen Krebs, gegen altersbedingte Erkrankungen, aber auch in der Verbesserung der Wundheilung einsetzen zu können, "wenn wir erst mal aufdecken können, wie diese Tiere das genau tun".

Die Entschlüsselung des Genoms könnte aber auch für Schutzmaßnahmen der Tiere von Bedeutung sein, erklärt Steven O’Brien von der NSU. "Daraus können wir viel über die Populationsdynamik des Weißen Hais lernen. Das könnte uns helfen, diese faszinierenden Lebewesen in ihrer Art zu erhalten."