Sabine Ladstätter: Forschungsbudgets bevorzugen Anwendungen gegenüber Grundlagen. - © Wiener Zeitung
Sabine Ladstätter: Forschungsbudgets bevorzugen Anwendungen gegenüber Grundlagen. - © Wiener Zeitung

"Wiener Zeitung": Sie sind österreichische Wissenschafterin des Jahres - ein Preis, der Forschern für die leicht verständliche Vermittlung ihrer Arbeit verliehen wird. War der Beruf Archäologin für Sie bereits ein Kindheitstraum?

Sabine Ladstätter: Ich habe meine Lehrerin in der Volksschule gefragt, wie die Menschen heißen, die Ausgrabungen machen, und fand: Das werde ich auch. Zu Weihnachten und Geburtstagen wünschte ich mir dann Archäologie-Bücher. Die Leidenschaft zog sich durch, bis ich die Studienrichtung in Graz inskribierte. Nur mit 12, 13 Jahren hatte ich eine kleine Krise: Da wollte ich vorübergehend Schachtelhalm-Forscherin werden.

Heute sind Sie Grabungsleiterin in Ephesos. Welche war die größte Hürde auf dem Weg dorthin?

Das waren die Probleme um meine Bestellung 2007/2008. Es handelte sich um eine von Österreich gesteuerte Intrige, in der gewisse Personen verhindern wollten, dass ich das Unternehmen Ephesos reformiere und ihm den letzten kolonialistischen Anhauch nehme. Die Intrige schwappte in die türkischen Medien über, die mir anti-türkische Positionen und rechtes Gedankengut unterstellten. (Der Vater, Fritz Schretter, war Obmann des Kärntner Abwehrkämpferbundes, Anm.)

Ist die Intrige endgültig vom Tisch?

Ich habe den Eindruck ja. Zudem konnte ich in der Türkei Vorurteile aus dem Weg räumen, etwa dass eine junge Frau nicht Grabungen mit 60 Arbeitern leiten kann. Ich möchte zeigen, was wir mit dem Steuergeld in Ephesos machen, und halte dazu Vorträge sowohl für Reiseleiter als auch an Hochschulen.

Die Präsentation archäologischer Denkmäler hat sich verändert. Beim Tempel der Artemis in Ephesos, ausgegraben im 19. Jahrhundert, hat man verschiedene Elemente zu einer einzigen Säule rekonstruiert. Heute untersuchen Archäologen den Untergrund mit geomagnetischem Radar ganz ohne Grabungen. Wie haben sich die Fragen verändert?

Sehr häufig stellen Archäologen Fragen an die Vergangenheit, die sie selbst beschäftigen - ich selbst habe in meiner Dissertation das Thema Migration aufgegriffen. Zudem beeinflusst die Gegenwart die Fragestellung: Während es früher etwa um Bestandsaufnahme ging, dreht sich die heutige Forschung eben um Migrationsbewegungen oder in Ephesos um die Großstadt: Logistik, Versorgung, Entsorgung.

Viele Fragen ergeben sich auch aus neuen Methoden. Früher musste man alles ausgraben, um zu sehen, was war. Heute kann man bei geomagnetischen Messungen Radarstrahlungen in die Erde senden, um Mauern unter der Erde zu vermessen, harte Bodenbeläge wie Marmor auszumachen oder Kanäle zu erkennen - und die Bilder davon am selben Abend betrachten.

Sie haben in Ephesos ein antikes Stadtzentrum entdeckt. Warum findet man es erst jetzt, nach 150 Jahren österreichischer Grabungen?

Der Komplex liegt außerhalb des derzeit ausgegrabenen Stadtzentrums. Um ihn zu erkennen, muss man auf der Terrasse stehen. Erst als ich über das Gelände ging, sah ich, dass sie nicht dem natürlichen Hangverlauf entspricht. Es war eine riesige Überraschung: Auch heute noch kann man auf Neues stoßen und nicht nur in die Tiefe gehen, sondern auch in die Breite. Wir entdeckten einen Stadtteil aus der hohen römischen Kaiserzeit im ersten und zweiten Jahrhundert: Tempel, Sarkophage, Ehrenmonumente, Repräsentationsbauten und Skulpturen-Galerien.

Werden Sie diesen neuen Stadtteil in absehbarer Zeit ausgraben?

Früher wurden Suchschnitte gemacht, um festzustellen, in welchem Zustand die Mauern sind. Heute erfolgen die ersten Grabungen ganz gezielt, was sich im Hinblick auf den Zustand der Funde und auf die Kosten lohnt. In diesem Sinn müssen wir bei dem neuen Stadtzentrum zunächst den Erhaltungszustand abklären und ob es sich lohnt, alles auszugraben und zu präsentieren.

Eine Ausgrabung ist die Zerstörung eines Verfallsprozesses. Deswegen ist die Dokumentation so wichtig. Es stellt sich immer die Frage, ob der Fund überhaupt erhalten werden kann oder zu seiner Konservierung wieder zugeschüttet werden muss. Mit manchen Funden haben wir fürchterliche Probleme. Etwa glaubte man in den 1950er Jahren, Hadrians Tempel mit Beton restaurieren zu können, der nun aber zerfällt und dessen Eisen-Verbindungen korrodieren.

Unter Ihrem Vorgänger Friedrich Krinzinger übte der Rechnungshof Kritik an der Überschuldung des Archäologischen Instituts (ÖAI). Sind Sie budgetär nun besser aufgestellt?

Das ÖAI hat ein Jahresbudget von zwei Millionen Euro bei gleichbleibender Höhe in den kommenden zwei Jahren - was ein Realverlust ist. Nach Ephesos fließen daraus 450.000 Euro jährlich. Ephesos bekommt weitere 450.000 aus privaten Quellen und Drittmittel-Förderungen. Da es das Flaggschiff unseres Instituts ist, versuche ich, die öffentlichen Mittel dorthin zu verringern und mehr private Gelder zu lukrieren. Derzeit steuert die türkische Ephesos-Stiftung 70.000 Euro bei. Die österreichische Gesellschaft der Freunde von Ephesos gibt 50.0000, die America Society 30.000 bis 50.0000 und die Kaplan Foundation (USA) 75.000 Euro.

Welche Verpflichtungen fordern die privaten Fördergeber von Ihnen?