Wir nehmen die "Volks-Zeitung" vom 11. November 1938 zur Hand und lesen unter dem Titel "Auch die längste Geduld hat ein Ende!" weiter im Originalwortlaut: "Eine Welle der Empörung gegen die jüdischen Meuchelmörder."

Was war passiert? Zunächst folgen wir der damaligen Berichterstattung im Originalwortlaut: "Aus Anlaß des Bekanntwerdens der erschütternden Nachricht von dem Ableben des deutschen Gesandtschaftsrates Erster Klasse Pg. Ernst von Rath, der in Paris das Opfer des feigen Mordanschlages des Juden Grünspan geworden war, kam es gestern in zahlreichen Städten des Reiches zu Zusammenrottungen der erbitterten Volksgenossen und Volksgenossinnen.

Die Volkswut richtete sich da und dort auch gegen die Synagogen der einzelnen Bezirke. Insbesondere in der immer noch von zahlreichen Juden bewohnten Leopoldstadt nahmen die Kundgebungen heftigen Charakter an. In mehreren Tempeln und Synagogen entstanden Brände, die die sofort ausgerückten Feuerwehren aber bald löschen konnten. Auch in anderen Bezirken richtete sich die Volkswut vornehmlich gegen die jüdischen konfessionellen Gebäude. Die Feuerwehr intervenierte bei Bränden in der Schiffamtsstrasse, Großen Schiffgasse, Zirkusgasse, Steingasse, Müllnergasse, Franz-Hochedlinger-Gasse, Pazmanitengasse, Neue-Welt-Gasse, Tempelgasse, Stumpergasse, Untere Viaduktgasse, Schmalzhofgasse, Siebenbrunnengasse, Kluckygasse, Turnergasse, Neudeggergasse, Gluckgasse, Schopenhauerstraße."

Doch damit nicht genug, auch in den Vororten kochte die Volksseele: "In Ottakring und Hernals sammelten sich schon in den frühen Morgenstunden erregte Volksgenossen an und demonstrierten gegen die ruchlose jüdische Mordtat. Die Empörung richtete sich besonders gegen den jüdischen Tempel in der Hubergasse. Um 9 Uhr stiegen aus dem Inneren des Tempels dicke Rauchwolken auf. Der rasch um sich greifende Brand zerstörte einen Teil der Inneneinrichtung. Die Feuerwehr musste sich darauf beschränken, die umliegenden Häuser vor einem Uebergreifen der Flammen zu bewahren: Vielfach zogen die Demonstranten vor die jüdischen Geschäfte und verlangten stürmisch deren Schließung."

Soweit eine der Darstellungen in der damaligen Presse; die anderen Gazetten fanden ähnliche, bzw. fast idente Worte für die Novemberpogrome, die mit einem Schlag, sprich über Nacht zur Zerstörung so gut wie aller im Stadtbild deutlich sichtbaren jüdischen Tempel und Bethäuser geführt hatten.

Was war vorher passiert? Der siebzehnjährige polnische Jude Herschel Grünspan hatte am 3. November erfahren, dass seine Familie vertrieben worden war. Darüber erzürnt, schoss er am 7. November 1938 in der Deutschen Botschaft in Paris auf Ernst von Rath, der am 9. November seinen Verletzungen erlag. Dieses Attentat nahm die NS-Führung zum Anlass, um im Zuge der sogenannten "Reichskristallnacht" von 9. auf den 10. November flächendeckend im Deutschen Reich Vernichtungsschläge gegen jüdische Einrichtungen vorzunehmen.

Die schon längst unter Einfluss des NS-Regimes stehenden Medien stellten es so dar, als sei die "Volkswut" Grund für die Zerstörungen gewesen. Doch alleine das Ausmaß der Vernichtung im gesamten damaligen Deutschen Reich zeigt, dass hier alles wohl organisiert worden war, um die "erbitterten Volksgenossen und Volksgenossinnen" zu mobilisieren. Die Tatsache, dass die "sofort ausgerückten Feuerwehren" vielfach rasch löschten konnten, sollte einmal mehr zeigen, wie sehr man doch quasi "bemüht", aber gegen den Volkszorn machtlos war. Man beachte auch den Plural in der Überschrift: ". . . die jüdischen Meuchelmörder".

Wer meint, die zuvor aufgelisteten Adressen wären vollständig, irrt. Die Zerstörung betraf so gut wie alle jüdischen Stätten, mit Ausnahme der Synagoge in der Seitenstettengasse im ersten Wiener Bezirk. Diese war nicht zerstört, sondern aus Rücksicht auf die umgebenden Häuser nur verwüstet worden. In der "Reichskristallnacht" waren von den 95 jüdischen Andachtsstätten, Tempeln und Bethäusern mehr als die Hälfte zerstört worden. Ziel der Nationalsozialisten war in erster Linie die Zerstörung der architektonisch im Stadtbild markant sichtbaren Gebäude.

Der Morgen nach der Schreckensnacht hinterließ deutlich sichtbare Wunden und Narben im Bild der Stadt. Die Juden Wiens waren ihrer architektonischen Identität beraubt worden.