Hans Hermann Behr (1818-1904). Erinnerungsblätter Dr. H.H. Behr 1898
Hans Hermann Behr (1818-1904). Erinnerungsblätter Dr. H.H. Behr 1898

Seine humoristischen, gesellschaftskritischen Romane waren lange vergessen, seine weltbekannte Schmetterlingssammlung verbrannte: Seinen Abschied von der Heimat inszenierte der deutsch-kalifornische Biologe Hans Hermann Behr (1818-1904) mit aufbegehrendem Witz. Im Frühjahr 1848 nämlich gehen im Duodezfürstentum Anhalt-Köthen die Wogen nicht nur aus politischen Gründen hoch. Dem aus Preußen geflüchteten Postbeamten und Wunderheiler Arthur Lutze verbrieft man, der herzoglichen Tradition folgend, die uneingeschränkte Berufsausübung als Homöopath. Die Bevölkerung ist gespalten, die Ärzteschaft aufgebracht und die Medizinalbehörde blamiert.

Da platzt mitten in die allgemeine Aufregung die Abreiseanzeige des gerade 30-jährigen Köthener Arztes Behr. In ihrer draufgängerischen Manier verrät sie seinen exzentrischen Humor: "Überzeugt, daß Herr Doktor Lutze hier bleiben, die übrigen Aerzte aber das Land verlassen müssen, beehre ich mich, meinen Freunden und Gönnern anzuzeigen, daß ich mit Jahresfrist mein Vaterland verlasse, und fordere hiermit meine Herrn Collegen auf, dasselbe zu tun."

Botanisiertrommel

Behr tat sich leicht, sich zu solch halsbrecherischer Pose hinreißen zu lassen. Ein Leben lang sagte man ihm nach, die ärztlichen Pflichten der Botanisiertrommel halber zu vernachlässigen. Schon nach dem Medizin-Studium in Halle, Würzburg und Berlin hat er beste Kontakte in der deutschen Botanikerschaft. Um den Aufbau einer Arztpraxis im kleinen Köthen kümmert er sich nicht sonderlich, sondern stellt seine Fähigkeiten ganz in den Dienst seiner Leidenschaft. Kurz nach seiner Approbation unternimmt er 1844/45 eine selbstfinanzierte einjährige Expedition in den Murray Scrub von South Australia.

Wie viele andere seiner Fachgenossen verdingt er sich als Schiffsarzt auf einem Dampfer deutscher Auswanderer. Seine Sammlungen verkauft er danach an Museen und angesehene Kollegen. Mit den aus der Australien-Reise hervorgehenden wissenschaftlichen wie journalistischen Veröffentlichungen macht Behr sich einen Namen als Insektenkundler, Orchideenspezialist, Ethnologe und Kenner des landwirtschaftlichen Potentials der jüngsten, von zahlreichen deutschen Siedlern bewohnten britischen Kolonie in Australien. Selbst Alexander von Humboldt lobt seine umsichtigen Beiträge.

Ein Echo seiner Studienzeit in Halle, wo er die als Kampfblatt der Linkshegelianer konzipierten "Hallischen Jahrbücher" sehr instruktiv fand, ist Behrs bemerkenswert vorurteilslose Einstellung. Am besten erkennbar ist diese in seinen beiden Essays über die Aborigines für die Berliner Gesellschaft für Erdkunde, worin er die uneingeschränkte Menschlichkeit der Ureinwohner gegen erzrassistische Kollegen verteidigt.