Ein kleines Atelier in Wien-Fünfhaus. Anita Zečić führt den Besucher in die Mitte des Raumes, vorbei an Bilderrahmen und Postern. Eine Staffelei steht auf dem Boden. Alte, hohe Fenster erhellen den Raum. Aus einer Sporttasche nimmt Anita Zečić einen zusammengefalteten Stoff, den sie auf dem Boden des Ateliers ausbreitet. Schritt für Schritt setzt sie die verschiedenen Seiten des Stoffes wie ein Puzzle zusammen, bis daraus eine große Kuppel entsteht.

Anita Zečić kommt aus Prijedor, einer heute knapp 80.000 Einwohner zählenden Stadt in Bosnien-Herzegowina. Seit 2005 lebt die 31-Jährige in Wien. Hier absolvierte sie die Wiener Kunstschule und studiert seit einigen Jahren an der Universität für angewandte Kunst Kunstpädagogik. Anita Zečić war noch ein Kind, als in Bosnien der Krieg begann und sie fluchtartig ihre Heimatstadt verlassen musste. So wie sie flohen Tausende Bosnier vor dem blutigen Bürgerkrieg in ihrer Heimat - etwa nach Österreich oder Deutschland. Anita Zečić verschlug es zunächst nach Deutschland und dann weiter nach Österreich.

Krieg der Worte

Prijedor war vor dem Krieg multiethnisch. Kroaten, Bosniaken und Serben lebten hier friedlich zusammen. Seit Jahren kehren viele der Vertriebenen wieder nach Prijedor zurück. Es seien sogar mehr Rückkehrer als in anderen Städten des Landes, hört man. Doch die drei Volksgruppen finden hier sowie auch in anderen Landesteilen seit Ende des Krieges nicht mehr zusammen. Heute leben sie mehr neben- als miteinander. Anita Zečić führt das auf die von bosnischen Politikern geschürten Nationalismen zurück.

Diese verhindern eine Annäherung. "Die Angst vor der Bedrohung durch die jeweils andere Volksgruppe bestimmt die Politik bis in die Gegenwart", bestätigt
Vedran Dzihic. Er ist Wissenschafter am Institut für Internationale Politik in Wien und setzt sich mit den politischen Entwicklungen am Westbalkan auseinander. Der Krieg in Bosnien werde bis heute mit rhetorischen Mitteln fortgesetzt, stellt er fest. Eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte und des Krieges existiere zudem kaum. Jede Volksgruppe erzähle ihre eigene Version und Wahrheit.

Schicksalstag für die Bewohner von Prijedor war der 31. Mai 1992. Die von den Serben übernommene Verwaltung ordnete an, dass nicht-serbische Frauen, Männer, Kinder sowie Ältere weiße Schleifen an ihren Oberarmen tragen mussten; manche hängten auch weiße Tücher aus ihren Wohnungen oder Häusern. Viele verloren ihre Arbeit, wurden schikaniert. Bald mussten sie auch ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Bis 1993 war Prijedor "ethnisch gesäubert", erklärt Dzihic.