Soziologe, Politiker, katholischer Widerstandskämpfer: Ernst Karl Winter (1895-1959). - © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com
Soziologe, Politiker, katholischer Widerstandskämpfer: Ernst Karl Winter (1895-1959). - © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Ernst Karl Winter war einmal wer. Er war ein Überzeugungstäter, ein Glaubenskrieger für die Idee eines selbstständigen Österreich. Als der Kampf verloren war, zog er ins Exil. Doch auch fern der Heimat machte er weiter, allerdings genauso furcht- wie erfolglos. Als der große Schrecken schließlich vorbei war, wollte oder konnte sich zu Hause fast niemand mehr an ihn, den Emigranten mit den eigenwilligen Ideen und Vorstellungen, erinnern.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Gewiss, in Wien, seiner Heimatstadt, erinnert in Döbling ein Weg und in Währing, wo er 1895 geboren wurde, ein Gemeindebau an sein Wirken. Der Geschichte seiner Zeit haben allerdings andere ihren prägenden Stempel aufgedrückt. Dass Winters Denken jetzt, fast genau sechzig Jahre nach seinem Tod 1959, wieder zum Vorschein kommt, ist immerhin kein Zufall.

Ende 2018 erschien, herausgegeben und kommentiert vom Wiener Philosophen Paul R. Tarmann, im kleinen niederösterreichischen Plattform Verlag sein bisher unveröffentlichtes Manuskript "Die Geschichte des österreichischen Volkes".

Die Neuentdeckung verdankt sich der Erinnerungsarbeit einer kleinen Gruppe, zu der neben Tarmann auch der Medienwissenschafter Peter Diem zählt; diese arbeitet daran, einen besonderen Strang der heimischen Geistes- und NS-Widerstandsgeschichte vor dem Vergessen zu bewahren, dessen Überzeugungen auf dem Katholizismus ruhten.

Zu diesem Kreis zählten etwa der Staatsrechtler August Maria Knoll, der Publizist Alfred Missong und der Jurist Hans Karl von Zessner-Spitzenberg, der als einer der ersten Österreicher im KZ Dachau ermordet wurde. Mit diesen und anderen gründete Winter 1927 die "Österreichische Aktion", die auf die Schaffung eines österreichischen Nationalbewusstseins hinarbeitete zu einer Zeit, als alle anderen in der Alpenrepublik noch einen deutschen Staat sahen. Winters "Geschichte des österreichischen Volkes" steht in dieser Tradition.

Winter entzieht sich den üblichen Kategorisierungen seiner umkämpften Gegenwart. Das macht sein Denken zwar spannend und originell, verurteilte den Sozialhistoriker, Philosophen und politischen Kommentator aber zu einem Leben zwischen allen Fronten. Auch Angriffspunkte finden sich. Immerhin agiert Winter, der im Ersten Weltkrieg mit Engelbert Dollfuß im selben Regiment diente und Freundschaft schloss, nach 1933 aufseiten des autoritären Ständestaats; von 1934 bis 1936 war er in dessen Diensten dritter Vizebürgermeister von Wien; die Sozialdemokratie war da schon längst verboten.