Läsionen auf dem Kopf des "Maba-Mannes" zeugen von Gewaltanwendung vor rund 126.000 Jahren. - © ...... / ......
Läsionen auf dem Kopf des "Maba-Mannes" zeugen von Gewaltanwendung vor rund 126.000 Jahren. - © ...... / ......

Wien. Ein stumpfer Schlag, gezielt auf dem Kopf: Seinen Mitmenschen den Schädel einzuschlagen hat offenbar eine lange Tradition in der Geschichte der Menschheit. Südafrikanische Forscher haben die bisher ältesten Spuren zwischenmenschlicher Gewalt im fossilen Schädel eines archaischen Menschen untersucht, der vor 126.000 Jahren in China lebte. Die Spuren weisen auf einen Hieb mit einem schweren Gegenstand hin, der vermutlich ein lebensbedrohliches Schädel-Hirntrauma zur Folge hatte. Erstaunlicher noch als das Alter des Fundes ist den Forschern zufolge jedoch die Tatsache, dass der Betroffene seine Verletzung offenbar überlebte.

Der Schädelknochen war 1958 in einer Höhle des Shizi Shan ("Löwenberges") in der Nähe des Dorfes Maba in der chinesischen Provinz Guadong gefunden worden. Das Fossil ähnelt dem Schädel eines Neandertalers. Da es sich um einen Einzelfund handelt, ist über den "Maba-Menschen" allerdings relativ wenig bekannt. Er soll sich aus dem Homo erectus entwickelt haben, der vor rund 1,8 Millionen Jahren aus Afrika auswanderte.

Die Wissenschafter der University of Witwatersrand in Johannesburg haben den Maba-Schädel mittels Stereomikroskopie und CT-Scanner untersucht und erhielten so ein detailliertes Bild der inneren Struktur des Schädelknochens, wo sie die Merkmale einer verheilten Schädelverletzung entdeckten. Diese soll durch einen Schlag mit einem harten, stumpfen Gegenstand verursacht worden sein. Studienleiterin Lynne Schepartz zufolge ist die Narbe eine typische Folge eines gezielten Angriffs, etwa im Zuge einer zwischenmenschlichen Auseinandersetzung mit Tötungsabsicht. Sein Überleben habe der Verletzte der Fürsorge seiner Gruppenmitglieder zu verdanken.

Vermutlich habe es Monate gedauert, bis die Verletzung wieder verheilt war. "Unser Maba-Mensch wurde wohl umsorgt und gefüttert, um sich von seinem Schädeltrauma zu erholen", so Schepartz und ihre Kollegen in den "Proceedings of the National Academy of Sciences". Zum Vergleich: Der Eismann "Ötzi", der vor rund 5000 Jahren lebte, soll sich kurz vor seinem Tod ein blutendes Cut mit einer Fraktur im Bereich der rechten Augenhöhle zugezogen haben. Untersuchungen bestätigten ein Schädel-Hirn-Trauma. Unter den Extrembedingungen im Hochgebirge endete die Verletzung tödlich - bisher gibt es keine Anzeichen, dass Hilfe kam.

"Friedensreichste Zeit jemals ist die Gegenwart"


Dass Altruismus und soziale Fürsorge ein uralter menschlicher Instinkt sind, bestätigt auch der US-Psychologe Stephen Pinker. Ihm zufolge hat sich sogar die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens eines gewaltsamen Todes zu sterben, sukzessive verkleinert. Vergleicht man das Europa der Gegenwart mit jenem vor 500 Jahren, sei (relativ zur Bevölkerungsgröße) das Risiko umgebracht zu werden um 90 bis 95 Prozent geschrumpft, betont er in seinem Buch "Gewalt - Eine neue Geschichte der Menschheit". Selbst die beiden Weltkriege heben sich kaum vom historischen Hintergrund ab - Exzesse habe es immer gegeben. Auch Volksstämme hat der Psychologe verglichen: Demnach starben in der Aztekenkultur, die als besonders gewalttätig galt, fünf Prozent einen gewaltsamen Tod. In den frühen Jäger- und Sammler-Kulturen der Steinzeit waren es drei Mal so viele Mitglieder der Gemeinschaft.