Prag. (est/dpa/apa) Man muss den Kopf ziemlich weit nach oben recken, um das berühmteste Fenster Europas zu erspähen. Es ist die Mühe wert, denn die dramatischen Ereignisse auf der Prager Burg schrieben Weltgeschichte.

Vor genau 400 Jahren, am 23. Mai 1618, warfen protestantische Böhmen die katholisch-kaiserlichen Statthalter Jaroslav Borsita von Martinitz und Wilhelm Slavata sowie Kanzleisekretär Philipp Fabricius kurzerhand aus dem Fenster. Erstaunlicherweise überstanden die drei zum Tode Verurteilten den Zweiten Prager Fenstersturz weitgehend unversehrt.

"Heute würden sie den Sturz 16 Meter in die Tiefe nicht überleben", sagt Petr Kroupa, Leiter Denkmalschutzamts der Prager Burg: "Hier war früher ein steiler Hang, den sie heruntergerutscht sind, wodurch ihr Fall abgebremst wurde." Der Prager Fenstersturz war somit eher ein -rutsch. Unten angekommen, liefen die drei zurück ins Burggelände, um im Haus der Familie Lobkowitz Asyl zu finden. Dem Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken konnte dies aber keinen Einhalt gebieten.

Der Zweite Prager Fenstersturz gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648. Er begann als Aufstand der protestantischen böhmischen Stände gegen die Rekatholisierungsversuche des böhmischen Königs aus dem Haus Habsburg, der zugleich römisch-deutscher Kaiser war. Im Dreißigjährigen Krieg entluden sich der habsburgisch-französische Gegensatz in Europa und derjenige zwischen Kaiser und Katholischer Liga einerseits und Protestantischer Union andererseits. Gemeinsam mit ihren Verbündeten im Heiligen Römischen Reich trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre dynastischen Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aus.

Die jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen und die Seuchen und Hungersnöte, die damit einhergingen, hinterließen eine Spur der Verwüstung, deren Auswirkungen bis in das 18. Jahrhundert hineinreichten und die in ihrem Ausmaß alles Bisherige übertrafen, schreibt der britische Militärhistoriker Peter Wilson in seinem Standardwerk "Der Dreißigjährige Krieg - eine europäische Tragödie".

Spur der Verwüstung

"Das ganze Ding ist sehr, sehr kompliziert", berichtet Wilson: "Es ist ein Krieg über die politische und religiöse Ordnung des Heiligen Römischen Reiches und der Habsburger-Monarchie, der nicht unvermeidbar war, sich entwickelte und andauerte - durch das sukzessive Versagen, wiederholte Krisen einzudämmen." Der Dreißigjährige Krieg wurde auch durch externe Interventionen verlängert, bei denen jede intervenierende Macht ihre eigenen Ziele verfolgte. "Weiters können wir hier Religion und Politik nicht wirklich entflechten, wie wir das heute tun", betont Wilson.