Santiago de Chile. Die intensivste Sonneneinstrahlung der Welt, die trockenste Wüste und die weltgrößte Kupfermine mit riesigem Energiebedarf. Alles an einem Ort - und kaum Menschen, die das Experiment stören könnten: Bessere Versuchsbedingungen hätte sich kein Wissenschafter ausdenken können. In der chilenischen Atacama-Wüste existieren sie. Der Andenstaat, der sich beim letzten Klimagipfel in Paris dazu verpflichtet hat, seine Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2007 um 30 Prozent zu senken, will zum Vorreiter von Energiewende und Klimaschutz werden.

Die Basis für das Vorhaben bilden internationale Expertise - und ein Turm, der schon vom Flugzeug aus zu sehen ist. 210 Meter hoch steht er über der grauen Atacama-Wüste. Als zweithöchstes Gebäude Chiles ist er im wahrsten Sinne des Wortes ein Leuchtturm-Projekt - und das Herzstück der ersten Konzentrierten Solarenergie-Anlage Südamerikas. 10.600 je 144 Quadratmeter große Spiegel sollen die Energie der Sonne auf die Spitze des Turmes fokussieren und dabei 50.000 Tonnen Salz auf 545 Grad Celsius erhitzen. Die geschmolzenen Kristalle sollen Wasser verdampfen, das eine gewaltige Turbine antreiben und bis zu 110 Megawatt Strom erzeugen soll, womit genug Energie für rund 380.000 Haushalte da wäre.

Goldgräberstimmung

Weil das verflüssigte Salz die Energie der Sonne auch speichert, kann das Kraftwerk rund um die Uhr Strom liefern. "Ich bin stolz, dass wir hier die Energie-Revolution mitvorantreiben werden", sagt Ivan Araneda. Er baut den Sonnen-Turm in der Wüste. Allerdings steht momentan auf seiner Mega-Baustelle alles still. Im Vorjahr wuselten hier noch bis zu 2000 Bauarbeiter und Ingenieure am Tag herum. Mit Overalls, Helmen und Sonnenbrillen schützten sie sich vor den Strahlen, die nicht nur Salz schmelzen, sondern auch die Haut in Minuten verbrennen.

Vor eineinhalb Jahren meldete die spanische Firma, die das Kraftwerk in der Atacama bauen wollte, aber den Konkurs an. Seitdem stehen die Kräne auf dem fast fertigen Turm. Derzeit wird mit neuen Geldgebern verhandelt. Auch die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) könnte einen 100 Millionen-Euro-Kredit für das eine Milliarde Euro schwere Projekt geben. Araneda hofft, dass die Verträge bald unterschrieben werden. Der ungeduldige Chilene will keine Zeit verlieren, wenn die Sonne jeden Tag vom wolkenlosen Himmel scheint. Was für andere schönes Wetter ist, ist für den Solarmanager verschwendete Energie und somit verschwendetes Geld.

Die Sonne sorgt nicht nur in der Wüste für Goldgräberstimmung. Auch Energieminister Andrés Rebolledo in der zwei Flugstunden südlich gelegenen Hauptstadt Santiago de Chile ist bestens gelaunt: "Was unser Land erlebt, ist eine Energie-Revolution", sagt er. 2014 machten Sonne und Wind gerade einmal sechs Prozent am chilenischen Energiemix aus, jetzt sind es 19 Prozent. Bis 2035 soll bereits 60 Prozent des Stromes mit erneuerbarer Energie erzeugt werden, und die meisten Experten gehen davon aus, dass dieses Ziel übertroffen wird.

Dass Chile sich auf seine erneuerbaren Energien besinnt, liegt auch an europäischen Partnern. Denn das deutsche Umweltministerium unterstützt den Anden-Staat durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit beim Klimaschutz. Sie berechnete das Potenzial der erneuerbaren Energien in Chile. Fazit: Das Land könnte das Hundertfache seines gesamten Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen gewinnen.

Oberstes Ziel der chilenischen Energie-Revolution ist dabei aber nicht der Klimaschutz, sondern eine verlässliche und günstige Energieversorgung. Darum treten die Energieträger in einen offenen Wettkampf. Chile fährt seit der Pinochet-Diktatur einen wirtschaftsliberalen Kurs, keine Energieform wird subventioniert. Das Einzige, was zählt, ist der Preis. Dass sich dabei zuletzt oft die Erneuerbaren durchsetzen, liegt daran, dass sie zumeist am billigsten sind. In Chile wird mittlerweile der günstige Solarstrom der Welt produziert.

UNO-Klimagipfel

Dass der preiswerte Strom auch noch grün ist, ist für Rebolledo dennoch mehr als ein positiver Nebeneffekt. "Chile ist anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels. Darum ist uns die Bekämpfung der Erderwärmung wichtig", sagt der Minister. Wenn ab Montag in Bonn mehr als 23.000 Teilnehmer aus 200 Länder bei der 23. Weltklimakonferenz zusammenkommen, wird auch sein Land dabei sein. Das im 4. November 2016 in Kraft getretene Pariser Klimaabkommen wird dann bereits sein einjähriges Jubiläum hinter sich haben.