Wien. Auch wenn sich an der Biologie des Menschen in der - aus Sicht der Evolution kurzen - Zeitspanne der kommenden 30 Jahre wenig ändern wird, gibt es heute schon Indizien, wie wir uns künftig lieben könnten.

Je mehr Zeit Menschen mit Smartphone & Co verbringen, desto stärker wird sich wohl auch das Kennenlernen ins Netz verlagern. Schon heute lassen sich mit speziellen Datenbrillen virtuelle Welten in projizierten, dreidimensionalen Räumen erfahren. Ganz ähnlich könnten wir künftig auch prospektive Partner virtuell kennenlernen. Und nicht nur das: Wir könnten ihre Projektion auch küssen. Die virtuelle Welt, verbunden mit taktilen Reizerlebnissen, eröffnet eine neue Schiene, jemanden zu prüfen - ohne Erwartungen oder Verpflichtungen. Schon vor dem ersten Date ließe sich herausfinden, wie es denn wäre, die Person zu küssen. Passt dieser Mensch zu mir? Wer es noch gründlicher erforschen will, kann einen Schritt weiter gehen zum virtuellen Sex. Lust könnte sich mit VR-Brille sehen und spüren lassen, ohne Hautkontakt, aber mit Fantasie.

Baukasten-Fortpflanzung

Entgegen landläufigen Annahmen wohnt die Sexualität nicht in den Lenden, sondern im Kopf. Ohne ein komplexes Zusammenspiel von Nervenzellen, Hormonen und Botenstoffen wird keine Turnstunde zur Leidenschaft. Der sexuelle Akt aktiviert unterschiedliche Bereiche des Gehirns - je nachdem, welche Körperteile vom Partner stimuliert werden. Vorstellbar ist, dass der Mensch künftig die das gesamte Gemüt ergreifende Emotion ohne Vorspiel, sondern fix-fertig erleben kann. Kurzer Druck auf einen Sensor unter der Haut - und los geht’s. Der Sensor setzt ein winziges Implantat im Denkorgan in Gang, das die Schaltzentralen der Lust aktiviert und am Höhepunkt Dopamin ausschüttet. Der erregend wirkende Neurotransmitter des zentralen Nervensystems setzt das Belohnungssystem in Gang, und das führt zu einem Rausch der Euphorie - ohne Partner, ohne Sexspielzeug und vielleicht sogar ohne Bewegung. Zeitsparender Ready-Made-Sex alleine zu Hause auf dem Sofa ist auf unkomplizierte Weise befriedigend.

Ob das lustig ist, sei dahingestellt. Die Vision lässt sich aber durchaus aus der medizinischen Forschung von heute ableiten. Chip-Implantate im Gehirn regulieren die Dopamin-Ausschüttung mancher Parkinson-Patienten. Mit einem "Hirnschrittmacher" hat der britische Neurowissenschafter Tipu Aziz, Professor am John Radcliffe Hospital in Oxford, es laut BBC bereits 2000 Parkinson-Patienten ermöglicht, ihre Körperbewegungen besser zu kontrollieren.

Fortschritte der Genetik lassen ahnen, dass wir unsere Kinder künftig Baukasten-mäßig zusammensetzen könnten. Anfang Dezember behauptete ein Forscher aus China, mithilfe der Gen-Schere CRISPR/Cas 9 Zwillinge geschaffen zu haben, die die Immunschwächekrankheit Aids nicht bekommen können. Warum also nicht lauter pumperlgesunde Menschen in die Welt setzen? Schon jetzt gibt es Vorstöße, Erbkrankheiten aus der Keimbahn entfernen zu wollen. Gleichzeitig trennen immer mehr Menschen die Sexualität von der Fortpflanzung, wie der Zulauf zu Fruchtbarkeitskliniken zeigt. Gut möglich, dass 2050 Menschen in jungen Jahren tatsächlich ihre Geschlechtszellen einfrieren lassen, um dann Kinder zu kriegen, wenn sie Zeit dafür haben. Ob sie dann auch Designer-Kinder nach Wunsch und Maß machen werden, ist eine Frage der dann geltenden Gesetze.

Welche dieser Entwicklungen große Popularität erlangen, muss sich weisen. Der Großteil der jungen Menschen ist heute jedenfalls konservativer als die Jugend der 1968er-Generation. Es könnte somit auch eine Rückbesinnung auf konservative Zweierbeziehungen stattfinden. Denn eines hat Bestand: die Paarbindung durch das Bindungshormon Oxytocin.