Das Laster macht Lust auf das Leben in all seiner Fülle. Wie langweilig ist dagegen die Tugend. Sie freilich wird nach dem Anziehen des Holzpyjamas, also nach dem Abgeben des Löffels, dem Ausstrecken der Patschen, dem Betrachten der Erdäpfel von unten, jeder nach seiner eigenen Fasson halt ("O Herr, gib jedem seinen eignen Tod" dichtete Rainer Maria Rilke) – die Tugend also wird weidlich belohnt. Nachher. Aber Spaß, also richtig Spaß, macht auch die Belohnung nicht. Es sei denn, man empfindet das Harfespielen auf einer Wolke als lustvoll. Oh je – wäre es lustvoll, wäre es lasterhaft. Ein wahrer Teufelskreis ist es mit dem Laster.

Ja, da ist er schon, der Böse, der Geschwänzte, der Feurige mit den Hörnern. Der Herr der Fliegen. Und der Choreograph aller Laster. Wie listig hat er seine Fallstricke gelegt!

Mit der Sünde allein war er nicht zufrieden. Sünde – das ist die Übertretung eines göttlichen Gebots. Zum Beispiel soll man nicht eine verheiratete Frau begehren. Wenn man das doch tut, ist es eine Sünde. Alles klar? Scheinbar. Wie verheiratet muss die Frau sein, dass sie zu begehren Sünde ist? Ist es eine Sünde, eine in fester Beziehung, aber ohne Ehegelöbnis lebende Frau zu begehren? Wobei die Sünde schon in der festen Beziehung ohne Ehegelöbnis anfängt.

Lassen wir das lieber. Sünde – das ist ein Fall für die Moraljuristen, für die Gewissensrichter. Sünde ist abstrakt. Laster ist etwas Anderes. Laster ist konkret, von den Orgien der Römer über die Opiumkaschemmen der Häfen bis hin zu den heutigen Koksereien. Und Sex war sowieso immer dabei. Lust und Laster: Es hat wahrhaft seine Gründe, dass man das eine für das andere nimmt."Müßiggang ist aller Laster Anfang" heißt es im Sprichwort. Bertolt Brecht und Kurt Weill machten daraus einen Song in den "Sieben Todsünden". Apropos Todsünden: Moraltheologisch genau genommen sind das Laster, die zu den nicht vergebbaren Sünden führen. Laster sind nämlich der Definition nach Verhaltensweisen, die moralisch verwerflich sind. Als sieben Hauptlaster gelten Stolz, Neid, Völlerei, Geiz, Faulheit, Zorn und Wollust. Dazu kommen als nicht ganz so schlimme Laster (Unsinn: Jedes Laster ist schlimm, bedeutet der moralisch empört hochgereckte Zeigefinger) Unglaube, Verzweiflung, Torheit, Feigheit, Ungerechtigkeit, Unbeständigkeit, Trotz, Neugier, Zwietracht.