Die Diagnose Krebs kommt einer Naturkatastrophe gleich. Doch während wir Menschen einen Vulkanausbruch oder ein Erdbeben neben all der Verzweiflung und Wut ohne schlechtes Gewissen hinnehmen, gestaltet sich der Zugang bei der Krebserkrankung gänzlich anders. Was habe ich in meinem Leben falsch gemacht? War mein Lebensstil mitverantwortlich oder die seelische Belastung? Bin ich gar eine Krebspersönlichkeit? Fragen wie diese eröffnen sich - einhergehend mit dem Gefühl des schlechten Gewissens, an der Erkrankung selbst Schuld zu sein.

"Bei Krebs beginnen wir Menschen ein Scheinproblem zu konstruieren, das der Betroffene selbst nicht lösen kann", erklärt Alexander Gaiger, Onkologe, Psychotherapeut und Leiter der Abteilung onkologische Rehabilitation des LebensMed Zentrums Bad Erlach in Niederösterreich. Viel wird auch darüber spekuliert, ob seelische Faktoren bei der Entstehung von Krebs eine Rolle spielen. Dies sei definitiv nicht der Fall, stellt der Experte klar. Der seelischen Verfassung kommt aber sehr wohl im Verlauf der Erkrankung eine tragende Rolle zu, wie Studien auch zeigen. So führt etwa Depressivität zu einer um 40 Prozent höheren Sterblichkeit.

Seelische Faktoren wiederum sind nicht die einzigen Einflüsse, die Erkrankungsverläufe verändern können. Auch biologische und soziale Faktoren sind dabei tragende Elemente. Bildung und Einkommen nehmen dabei eine Schlüsselfunktion ein. Dänische Forscher haben dies unter die Lupe genommen: Demnach ist die Sterblichkeit von Menschen mit der geringsten Bildung und dem geringsten Einkommen bei gleichem Tumorstadium, gleichen Risikofaktoren und gleicher Behandlung um 40 Prozent höher als bei jenen Patienten mit hoher Bildung. Trotz der großen Weiterentwicklungen der Therapie partizipieren nicht alle gleichermaßen an dem Fortschritt.

Zugang für alle

Zudem "wird die allgemeine Ungleichheit noch durch das soziale Gewicht der Krebserkrankung selbst und unserer Ignoranz diesem Faktor gegenüber verstärkt", betont Gaiger. Das soziale Umfeld, in dem ein Mensch aufwächst und wie viel Geld er zur Verfügung hat, ist demnach ein viel stärkerer Faktor als der immer wieder auf das Tapet gebrachte Lebensstil.

In der onkologischen Rehabilitation, zu der mittlerweile jeder österreichische Krebspatient über einen Antrag bei der Pensionsversicherungsanstalt flächendeckend Zugang hat, bilden die biologischen, seelischen und sozialen Faktoren die Grundsäulen des Betreuungskonzepts.

Im Rahmen einer Basisdiagnostik werden im Rehabilitationszentrum diese Bereiche gleichberechtigt erhoben, skizziert Gaiger. Chronische Erschöpfung (Fatigue), Gefühlsstörungen an den Extremitäten (Polyneuropathie), Schlafstörungen, Depression, Angst, sozialer Druck oder posttraumatische Belastungsreaktionen sind wesentliche Einschränkungen, die eine Krebstherapie mit sich bringen kann. Jetzt gilt es, realistische Ziele für jeden einzelnen Patienten zu definieren. Während manche eine psychologische Unterstützung zur Bewältigung der Erkrankung in Anspruch nehmen, legen andere wiederum ihren Schwerpunkt auf die sportliche Betätigung.

Sport ist im Übrigen auch jener biologische Faktor, der wesentliche Einschnitte in der Lebensqualität verbessern kann, betont der Experte. "Wir wissen durch Studien, dass Sport nicht nur die Lebensfähigkeit und Leistungsfähigkeit verbessert, sondern auch Fatigue und Polyneuropathien reduziert." Bewegung hilft überdies auch, die Wirkung von Therapien zu verstärken beziehungsweise Nebenwirkungen zu reduzieren. Begleitend dazu kommen in Detailbereichen sensomotorische, Geruchs- und Geschmacks-Trainingseinheiten zum Einsatz.

Mit all diesen Maßnahmen in ihrer Gesamtheit stellt die onkologische Rehabilitation eine gute Ergänzung zur Akutmedizin dar. Im Spital findet dieser Behandlungsaspekt zunächst wenig Raum, da die Diagnose, die Behandlung und die Sicherung des Überlebens im Vordergrund stehen. Hier gelten - zu Recht - andere Prioritäten.

Ergänzung zur Akutmedizin

"Ich muss die Laborwerte kontrollieren, die Histologie, die Genexpressionsmuster der Tumorzellen berücksichtigen, mich im Tumorboard austauschen, Therapien abwägen, die Nebenwirkungen erklären, die Chemotherapie bestellen, das Spitalsbett organisieren. Da bleibt wenig Zeit für die anderen Aspekte", erklärt Gaiger die Anforderungen an einen Akutmediziner, wie auch er einer ist. Es gelte, wie in der Flugraumüberwachung, die Checkliste durchzugehen, damit der Patient sicher startet und sicher wieder landet.

In einem onkologischen Gesamtkonzept bedürfe es einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit und Versorgung zwischen Akutspital und Rehabilitation, wo etwas begreifbar gemacht wird, das so schwer verstehbar ist - die Erkrankung, die Bedrohung, die Therapie, die Behandlungswege. Dabei gelte es auch, das Bildungsniveau der Patienten in der Kommunikation zu berücksichtigen. "Dies verbessert das Zurückkehren in einen durch die Erfahrung der Krankheit veränderten, aber existierenden Lebensalltag und ermöglicht den Weg vom Überleben zum Leben", betont Gaiger.