Familie kann sich als schlimmste aller Höllen erweisen. Noch dazu als eine, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Vater, Mutter, Geschwister und Kinder sind exklusive Relationen, die weder frei wählbar noch austauschbar sind. Die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch hat sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern näher angeschaut. Ihr Fazit: Wir schulden unseren Eltern nichts. Zumindest nicht allein dadurch, dass sie unsere Eltern sind. Das ändert nichts an der Tatsache, dass wir unwiderrufbar an einander gebunden sind. Ein Gespräch über Verantwortungen und Widerständigkeit sowie den Reichtum, hinter der Schallmauer des familiären Pflichtgefühls.

"Wiener Zeitung": Woher kommt dieser weit verbreitete innerfamiliäre Schuldgedanke?

Barbara Bleisch: Die Vorstellung, dass wir bereits als Schuldige in die Welt treten, findet sich bereits in der biblischen Erbsünde. Der Gedanke, dass wir unseren Eltern etwas schulden allein aufgrund des Geburtsgeschenkes, ist eine weltliche Version davon. Mit der Geburt sind wir quasi schon im Minus und müssen diese Schuld abarbeiten. Familie war und ist in vielen Gesellschaften außerdem die grundlegende Sozialversicherung. Soziale Sicherheit an die Familie zu delegieren, kann eine sinnvolle Form der Arbeitsteilung sein. Ob das ein sinnvolles Modell für unsere Gegenwart sein kann, möchte ich in Frage stellen. Das würde ja heißen, dass Menschen, die nicht in Großfamilien eingebettet sind, keine Hilfe erfahren. Wir haben heute den Anspruch, dass wir als Gemeinschaft dafür aufkommen, dass jeder umsorgt ist bis ins hohe Alter, bis in den Tod. Das scheint mir eminent wichtig für eine würdige, eine anständige Gesellschaft.

Wir haben bereits familiäre Aufgaben ausgelagert an das kollektive System. Führt das nicht zu Phänomenen wie wachsender Einsamkeit?

Im Gegenteil. Denn was meinen wir mit dieser Einsamkeit? Wir wünschen uns im Alter meist zwei Dinge: Generelle Güter, die wir brauchen, um in Würde leben zu können: dass wir es warm haben und zu essen, dass wir gepflegt sind, uns noch anregen lassen können. Das sind Dinge, die wir als Familie delegieren, als Gemeinschaft organisieren können. Einsamkeit ist vielmehr ein Resultat davon, dass uns relationale Güter fehlen, also solche, die auf Beziehungen basieren. Diese Güter können wir nicht delegieren, denn sie bestehen darin, vertraute Beziehungen zu pflegen, sich aufgehoben zu fühlen in Ritualen, in tiefen Gesprächen. Wir können sie aber auch nicht mit dem Pochen auf Schuldigkeit eintreiben, sondern nur, indem wir darum bemüht sind, familiären Bindungen Raum zum Atmen zu geben. Wenn wir Familie überlasten mit Pflegeaufgaben, die sie nicht wahrnehmen können, leiden die Beziehungen.