Berlin. Lauernde Feinde, ungemütliche Temperaturen, pfeifende Stürme: Wer in der Arktis lebt, muss gut mit Stress umgehen können. Doch für einige Bewohner dieser kargen Lebensräume scheint das heutzutage schwieriger zu sein als früher. Denn auch im hohen Norden hat der Mensch inzwischen jede Menge Schwermetalle hinterlassen. Die aber verändern einer neuen Studie zufolge das Verhalten und die Stressresistenz von jungen Nonnengänsen. Und auch etliche andere Tiere in den verschiedensten Lebensräumen rund um die Welt reagieren unter dem Einfluss von Schadstoffen nicht mehr so wie sonst. Das könnte langfristige Folgen für die Populationen haben.

Das Problem, mit dem die untersuchten Gänse zu kämpfen haben, ist schon mehr als 50 Jahre alt. Auf der nördlich von Norwegen gelegenen Insel Spitzbergen ist 1962 eine Kohlemine implodiert. Vor Ort wurden die dabei freigesetzten Schadstoffe zwar beseitigt, das Gelände der längst verlassenen Mine aber ist noch immer mit Schwermetallen belastet. Und die nehmen die ortsansässigen Gänse beim Fressen auf.

Gute Stressreaktion

Ein Team um Isabella Scheiber von der Universität Wien und Brigitte Schlögl von der Universität Leipzig hat nun die Folgen untersucht. Dazu haben sie von unbelasteten Inseln 16 Eier von Nonnengänsen eingesammelt, von denen jeweils zwei aus demselben Nest stammten. Die Küken haben sie aufgezogen und etwa drei Wochen lang zu unterschiedlichen Futterplätzen geführt. Die eine Hälfte der Vögel graste auf dem ehemaligen Minengelände, die dazu gehörenden Geschwister auf nicht kontaminierten Flächen. In darauffolgenden Stresstests wurden sie zum Beispiel einzeln oder in Gruppen vom Rest ihrer Artgenossen getrennt - eine Situation, die diese sehr sozialen Tiere überhaupt nicht schätzen.

Kontaminierten Junggänsen machte das offenbar besonders stark zu schaffen. Sie waren unruhiger als ihre Geschwister, sahen sich häufiger um und bewegten sich mehr. In ihrem Kot fanden sich zudem höhere Konzentrationen von Stresshormonen. Unbelastete Vögel reagierten dagegen entweder von Anfang an entspannter oder beruhigten sich im Laufe des Versuchs schneller.

Dieser Unterschied kann sich durchaus auf die Zukunftschancen der Tiere auswirken. Denn eine angemessene Stressreaktion ist lebenswichtig. Wer etwa von einem Feind angegriffen wird, sollte möglichst schnell die sogenannte Stress-Achse aktivieren. Das sollte aber nur passieren, wenn es auch wirklich nötig ist. Denn sobald die Stressreaktionen chronisch werden, treten ihre Nachteile in den Vordergrund. So könnte die Schwermetallbelastung dazu führen, dass die nervösen jungen Gänse ihre Zeit und Energie mit überflüssigen Fluchtversuchen verschwenden und sich dabei auch noch von den Eltern entfernen, so dass diese sie nicht mehr schützen können. "Es bleibt zu untersuchen, welche Auswirkungen die frühe Aufnahme der Schadstoffe langfristig auf den Reproduktionserfolg und das Überleben hat", sagt Schlögl.