New Haven/Wien. (gral/apa) Das globale Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum nimmt immer mehr und schneller Einfluss auf die Umwelt. Die Auswirkungen präsentieren sich mittlerweile über ganze Kontinente hinweg. So würden die reichen Industrieländer in Europa und Nordamerika durch ihren Nahrungsmittelkonsum Umweltschäden in Mittel- und Südamerika verursachen, berichtet etwa ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung im Fachblatt "Nature Ecology and Evolution". Vor allem die Fauna und Flora seien die Leidtragenden. Zudem gehen Wissenschafter davon aus, dass aufgrund der Vereinnahmung der Lebensräume bis zum Jahr 2070 für rund 1700 Arten das Risiko auszusterben massiv zunehmen werde.

Das Team um Alexandra Marques von der Universität Leiden untersuchte, welche Auswirkungen die Land- und Forstwirtschaft hier wie dort auf die Artenvielfalt und wichtige Ökosystem-Funktionen wie die Speicherung von klimaschädlichem Kohlenstoff hat.

90 Prozent der Schäden, die ein Bürger eines hochentwickelten Landes wie Österreich durch den Konsum landwirtschaftlicher Produkte verursacht, wirken demnach in ganz anderen Erdregionen, erklären die an der Arbeit beteiligten Forscher Nina Eisenmenger und Karlheinz Erb vom Institut für soziale Ökologie der Uni für Bodenkultur in Wien.

Der große Verlierer

Der große Verlierer war der Artenreichtum (Biodiversität) in Süd- und Mittelamerika. Auch in Afrika und Asien schrumpfte die biologische Vielfalt massiv. Zu einem Drittel war dafür die Rinderzucht verantwortlich. Wenn man einen Burger mit Fleisch von Rindern von südamerikanischen Weiden isst, schädigt man dort die Umwelt. Denn damit die Tiere dort weiden konnten, wurden Wälder gerodet. Aber auch der Konsum von heimischen Rindern sei nicht besser. Diese würden nämlich mit Soja aus solchen Regionen gefüttert, das auf Ackerland wächst, für das ebenfalls Wald weichen musste. Der Schaden sei vergleichbar groß, so die Forscher. Zusätzlich würde die verbleibende Artenvielfalt durch Pestizid- und Düngereinsatz weiter belastet. Das globale Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum beschleunige den Prozess.

Die Forscher fordern, dass die indirekte Verantwortung von Konsumenten für Umweltauswirkungen in der Ferne international etwa im Rahmen der Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen stärker berücksichtigt werde.

Die Abnahme der Artenvielfalt im Tierreich ist auch für Forscher der Yale University ein brisantes Thema. Umso mehr Landfläche der Mensch einnimmt, umso weniger bleiben anderen Spezies zur Verfügung. Zu den Betroffenen zählen Amphibien, Vögel aber auch Säugetiere. Für 1700 Arten könnte das Risiko, auszusterben, im Jahr 2070 besonders hoch liegen, berichten sie im Fachblatt "Nature Climate Change". Für ihre Arbeit haben sie 19.400 Spezies und ihre Lebensräume genauer unter die Lupe genommen.

"Unsere Analysen zeigen uns, wie politische und ökonomische Entscheidungen weltweit die Lebensräume von Tieren dezimieren", so der Biologe Walter Jetz. Die prognostizierten 1700 Spezies würden im Laufe der nächsten 50 Jahre 30 bis 50 Prozent ihrer derzeitigen Habitate verlieren. Darunter Arten wie Papua-Engmaulfrösche, Blattspäher oder die Weißnacken-Moorantilope.

Map of Life

"Der Verlust von Arten kann sowohl die Funktion des Ökosystems als auch das menschliche Leben an sich irreversibel beeinträchtigen", betont Jetz. Und: Die Ursache dieser Entwicklung liege nicht nur in den betreffenden Regionen selbst. Daher müsse die gesamte Weltbevölkerung darauf aufmerksam gemacht werden.

Um die Entwicklung der Biodiversität auch für die Allgemeinheit aufzuzeigen, haben Forscher die "Map of Life" ins Leben gerufen. https://mol.org gibt Auskunft über Artenbestände, Regionen und künftige Trends.