Vizekanzler Heinz-Christian Strache regt sich vor allem über "massive Ausschreitungen, Krawalle, Zerstörungen und Plünderungen von Geschäften"auf. Das gibt viele wütende Emojis. - © Grafik: Isabella Schlagintweit
Vizekanzler Heinz-Christian Strache regt sich vor allem über "massive Ausschreitungen, Krawalle, Zerstörungen und Plünderungen von Geschäften"auf. Das gibt viele wütende Emojis. - © Grafik: Isabella Schlagintweit

Wien. Kanzler Sebastian tut es: Er wiederholt im 24 Sekunden langen Video einmal mehr: "Wir setzen das um, was wir im Wahlkampf versprochen haben." Vizekanzler Heinz-Christian Strache tut es: Er regt sich über "massive Ausschreitungen, Krawalle, Zerstörungen und Plünderungen von Geschäften" auf. Und fragt sich: "Welcher Hass und Extremismus steht da dahinter?" Auch SPÖ-Klubobmann Christian Kern tut es: Er postet einen Falter-Artikel, und das als Anlass eine Auseinandersetzung zwischen einer offenen Gesellschaft und "illiberaler Konzepte à la Kurz/Strache" wahrzunehmen. Sie alle oder ihre Social-Media-Teams wenden sich direkt an die Wählerinnen und Wähler – und zwar auf Facebook. Genauso wie Werner Kogler von den Grünen, der den Usern durchaus mal Mahlzeit wünscht, Peter Pilz hin und wieder, Matthias Strolz, der nachdem er das Zepter des Bundesparteivorsitzes an Meinl-Reisinger weitergereicht hat, aktuell vom Gipfel des Sonnenkopfs in Vorarlberg grüßt.

Wer zu Wut, wer zu "HaHa" animiert

Ingrid Brodnig, Autorin, Journalistin und von der EU-Kommission zum Digital Champion Österreichs gekürt, untersuchte gemeinsam mit Datenanalyst Luca Hammer in den ersten fünf Monaten dieses Jahres das Verhalten der Parteichefs und ihrer Parteien auf Facebook und die Reaktionen der rund drei Millionen österreichischen User täglich, die insgesamt 386.571 Emojis an sie verteilten.

Der nun präsentierte Digitalreport zeigt mit Grafiken von Anna Hazod: Was der Kanzler und die ÖVP posten, wird von 54 Prozent der darauf reagierenden User "geliebt", sie herzen also seine Beiträge. Mit dem Vizekanzler und der FPÖ ist man gemeinsam oder wegen seiner Postings wütend: Im Untersuchungszeitraum waren es jedenfalls 38,6 Prozent, weniger übrigens als bei Kern und der SPÖ: Da drückten 47 Prozent auf den Facebook-Wutbutton. Das habe sich laut Brodnig mit dem Regierungswechsel verändert, als Kanzler herzten die User Christian Kern laut einer Uni-Wien-Studie von 2017 noch mehrheitlich. "Eine These ist, dass die SPÖ in der Opposition die heutigen Regierungsparteien öfter kritisiert und dass das der Stimmung der User in der Community entspricht", sagt Brodnig.

Und hier die drei Parteien im Vergleich. - © Grafik: Isabella Schlagintweit (Digitalreport)
Und hier die drei Parteien im Vergleich. - © Grafik: Isabella Schlagintweit (Digitalreport)

Es sind übrigens durchaus typische Reaktionen, die sich auch bei Kurz und Straches aktuellsten Postings zeigen. Nur Kerns Statement macht die User an diesem Tag eher "traurig": Er erntet Tränen-Emojis auf sein Posting. Strolz und die Neos gelten unter ihren Fans auf Facebook laut Digitalreport übrigens als die Witzigen: Mit 45,5 Prozent überwiegt bei den Pinken das gelbe "HaHa"-Grinse-Smiley – nicht nur politische Inhalte, sondern auch mal Katzenbilder.

Eine kleine, dominante Gruppe an Kampfpostern

Was die Autorin Ingrid Brodnig am Ergebnis der Datenanalyse beeindruckte, ist, wie klein die Minderheit jener ist, die die heimische Parteipolitik kommentiert. - © Grafik: Isabella Schlagintweit (Digitalreport)
Was die Autorin Ingrid Brodnig am Ergebnis der Datenanalyse beeindruckte, ist, wie klein die Minderheit jener ist, die die heimische Parteipolitik kommentiert. - © Grafik: Isabella Schlagintweit (Digitalreport)

In der Theorie gibt das Internet jedem Menschen eine Stimme, wiederholt die Autorin eine alte These. Diese ist tot, spätestens seit den Plattformen, die mit Algorithmen die Präsenz von Einigen nach eigens definierten Kriterien steigern.

Was Brodnig aber am Ergebnis der Datenanalyse beeindruckte, ist, wie klein die Minderheit jener ist, die die heimische Parteipolitik kommentiert. Zwar sind drei Millionen Österreicher täglich auf Facebook, 73 Prozent der insgesamt 768.016 politischen Kommentare aber stammen von nur einem Fünftel der 172.435 politisch postenden User. Viele davon hatten im Untersuchungszeitraum überhaupt nur einmal was zur Politik zu sagen. Die 200 aktivsten User – jeder 862ste gehört zu den Kampfpostern – waren dagegen für 73.854, also rund zehn Prozent, aller politischen Postings verantwortlich.

"Facebook ist kein Spiegel der Gesellschaft, es ist ein Zerrspiegel, der manche kleiner, andere größer macht", sagt Brodnig. Es gibt außerdem Indizien, dass die Meinung der stillen Mehrheit nicht jener der auf Facebook politisch Aktiven entspricht: "Man könnte sich bei manchen denken: Grass, was die so online stellen, aber jeder zweite in Europa wünscht sich Gesetze gegen Hassrede, in Deutschland sogar 70 Prozent." Eine Analyse des Social Media-Experten Roland Trnik, der versuchte aus der Facebook-Stimmung den Ausgang der Wahl vorherzusagen, habe gezeigt, dass das Ergebnis bei der Bundespräsidentschaftswahl zwar näher dran war als jenes der Meinungsforscher vorab, "bei der Nationalratswahl hat Facebook als Wahrsagekugel aber komplett versagt".

Aufmerksamkeit ohne Filter und für Geld

Anders als früher, wo die FPÖ und ihr Parteichef, die Plattform im Ranking der österreichischen Politik dominierten, ist Kurz seinem Vizekanzler auf Facebook heute auf den Fersen: Strache liegt mit knapp 1,3 Millionen Likes, das waren 34 Prozent, vom ersten Jänner zwar noch in Führung. Bei Kurz waren es aber bereits 1,2 Millionen bzw. 31 Prozent. Auch Kern steigerte die Likes im Zuge von Kanzlerschaft und vor allem Wahlkampf auf immerhin 14 Prozent der auf die Spitzenpolitiker reagierenden User: Das sind 14 Prozent.

Was bringt aber bringt solches Engagement der Politik? Brodnig geht davon aus, dass es nicht nur um die Sichtbarkeit auf Facebook geht, sondern Erfolge auf Facebook oft auch Erfolge in klassischen Medien nach sich ziehen. "Medien bringen Themen, die online gut gehen. Die Analysen zeigen, dass es emotionalisierende Themen sind. Außerdem Facebook liefert den Parteien die Möglichkeit, mit Themen sichtbar zu sein, die früher nicht so sichtbar waren", sagt Brodnig. Früher hätten die Redaktionen entschieden, welche Informationen für Hörer, Seher oder Leser relevant sein könnten. "Auf Facebook fehlt die Schwelle der Journalisten als Filter, auch falsche Behauptungen sorgen für Aufmerksamkeit."

Brodnig rät allerdings nicht nur wegen möglicher Falschmeldungen zu Vorsicht. Ob gekaufte Fan-Reaktionen dabei sind, also solchen, die von dafür bezahlten Firmen in Billiglohnländern generiert werden, kann die Datenanalyse nicht liefern. Bots, also per Software generierte Likes, spielten jedenfalls wenig Rolle in Österreich. Die Autorin sagt allerdings: "Ein großer Erfolg von Postings kann auch daran liegen, dass die Parteien mehr Geld in Facebook-Werbung stecken." Neuerdings kennzeichnet Facebook zwar Beiträge, für deren bessere Platzierung in den Newsfeeds der Follower Geld fließt. "Man weiß aber noch nicht, ob dahinter 20 oder 1000 Euro stehen. Der Erfolg auf Facebook spiegelt nicht die Realität wider." Sie plädiert deshalb für eine Transparenz-Verpflichtung: "Parteien sollten offenlegen müssen, welche Thematik auf Facebook, sie mit wie viel Geld bewerben."