Steine, Bretter, etwas Stroh : So sah ein Schlaflager in der Wienerberger Fabrik aus. (Bild aus: E. Kläger, ...Wiener Quartiere des Elends..., 1908)
Steine, Bretter, etwas Stroh : So sah ein Schlaflager in der Wienerberger Fabrik aus. (Bild aus: E. Kläger, ...Wiener Quartiere des Elends..., 1908)

Am "südlichen Abhang des Wienerberges an der Grenze zwischen Favoriten und Inzersdorf liegen ... zwei idyllische Badeseen", so Waltraud Raymann, Wien 23; an dieser Stelle befanden sich die "Tegelfiguren (Lehmgruben) der Wienerberger Ziegelwerke". Wo heute an sommerlichen Tagen Jung und Alt im kühlen Nass vergnügliche Stunden zubringen, stank das Unrecht einst gen Himmel.

Armut zerschlagen! 1895 streikten Ziegelarbeiterinnen und -arbeiter in Favoriten, um gegen ihre Ausbeutung zu protestieren. (Bild aus: Neue Glühlichter, 1901)
Armut zerschlagen! 1895 streikten Ziegelarbeiterinnen und -arbeiter in Favoriten, um gegen ihre Ausbeutung zu protestieren. (Bild aus: Neue Glühlichter, 1901)

Zur Entstehung des Arbeiterbezirks, dessen In-dustrie Thema der Frage 2 der Nro. 388 war, erklärt Dr. Edwin Chlaupek, Wien 3: "Der 10. Wiener Bezirk, Favoriten genannt, ... entwickelte sich aus einer Siedlung, die zwischen Süd- und Ostbahngeleisen gelegen war".

"Mit Beginn der Industrialisierung", so Wilfried Schwestka, Wien 10, "nahm die Besiedlung rasant zu. Eine große Rolle spielte dabei die Eisenbahn. 1845 wurde der Gloggnitzer Bahnhof, der spätere Südbahnhof, fertiggestellt. Dadurch war es nun möglich, Waren über weite Strecken rasch zu transportieren." Im Jahr darauf wurde der Raaber Bahnhof (Areal des späteren Ostbahnhofes) vollendet. Die Umgebung wurde für die Industrie interessant - und diese benötigte Arbeitskräfte.

Dr. Alfred Komaz, Wien 19, weiter: "Hier darf nicht vergessen werden, dass ... die Arbeiter mit ihren Familien wegen der für den Massentransport untauglichen Nahverkehrsmittel stets in unmittelbarer Nähe ihrer Betriebe wohnen mussten." Substandardwohnungen wurden für sie errichtet. Der "günstige Baugrund und das Reservoir an billigen Arbeitskräften" zog weitere Werke "der verschiedensten Branchen" an. Beispiele dafür geben Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, sowie Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, und Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz: Die Siebflechter und Gitterstricker Hutter & Schrantz nach 1884, die Heller-Schokoladenfabrik 1890, die Ankerbrotfabrik 1891, die Kabelfabrik Felten & Guilleaume 1893 und die Wiener Automobilfabriks AG 1911.

Ein sozialer Anfang

Victor Adler (hier mit Brille) unterstützte die Arbeiterschaft.  - © Bild (aus: Die Unzufriedene, 1931) koloriert von Philipp Aufner
Victor Adler (hier mit Brille) unterstützte die Arbeiterschaft.  - © Bild (aus: Die Unzufriedene, 1931) koloriert von Philipp Aufner

In der Ziegelherstellung hatte der Standort bereits Tradition, wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, festhält: "Mitte des 18. Jahrhunderts wurde auf Veranlassung von . . . Maria Theresia der k.k. Ziegelofen am Wienerberg errichtet. In dieser Produktionsstätte wurden um 1780 bereits eine Million Mauerziegel jährlich hergestellt."

Etwa 40 Jahre später setzte der Unternehmer Alois Miesbach den ersten Schritt für den Aufbau eines Imperiums. Christine Sigmund, Wien 23: Er "pachtete 1820" den alten k.k. Fortifikations-Ziegelschlag. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, weiter: Miesbach "führte sein Unternehmen noch als Patriarch alten Stils. Er fühlte sich für seine Arbeiter verantwortlich und spendete einen Teil seiner Einnahmen für soziale Einrichtungen und Stiftungen." Neben "primitiven Wohngebäuden für Arbeiter" wurden "auch ein Krankenhaus und eine "Kinderbewahranstalt" errichtet."