Als die Kirche im Dorf blieb - © ÖNB
Als die Kirche im Dorf blieb - © ÖNB

Ohne ihn gäbe es heute weder Klassensprecher noch Schulsprecher. Ohne ihn hätten Frauen keinen freien Zugang zu Universitäten bekommen. Ohne ihn wäre Bildung immer noch eine Frage des Standes. Die Rede ist von Otto Glöckel, dem ersten Unterrichtsminister und maßgeblichen Schulreformer der Ersten österreichischen Republik. Ab 1922 war er Wiener Stadtschulratspräsident.

Als Kind hatte er am eigenen Leib erfahren, was es heißt, von einem rückständigen pädagogischen System erzogen zu werden. Deshalb setzte er sich als sozialdemokratischer Politiker Zeit seines Lebens für eine Demokratisierung der Schule ein, förderte Mitbestimmung von Lehrern, Eltern und Schülern und kämpfte als Verfechter der Gesamtschule gegen jegliche Bildungsprivilegien. Auch forcierte er eine strenge Trennung von Kirche und Schule.

Um den Einfluss der Kirchen auf das Schulwesen einzuschränken, erließ die damalige Regierung am 10. April 1919 den nach ihm benannten Glöckel-Erlass. Das tägliche Schulgebet wurde abgeschafft, die Teilnahme am Religionsunterricht war nur mehr freiwillig und nicht mehr verpflichtend. Für uns heute ganz selbstverständliche Dinge, doch zur damaligen Zeit eine echte Revolution. Otto Glöckel wurde im Februar 1934 vom austrofaschistischen Ständestaat von seinem Posten als Stadtschulratspräsident entfernt, eingekerkert und starb nur kurze Zeit darauf.