Eröffnung Karl-Marx-Hof - © ÖNB
Eröffnung Karl-Marx-Hof - © ÖNB

Im "roten Wien" entstanden in der 1. Republik eine Vielzahl an Gemeindebauten, die im Rahmen des sozialdemokratischen Wohnbauprogramms errichtet wurden. Der "Karl-Marx-Hof" war mit seinen 1.382 Wohnungen zum Eröffnungszeitpunkt der größte Gemeindebau Wiens. Aber noch eine andere Besonderheit – neben den vielen architektonischen Details – fasziniert heute noch Städteplaner und Touristen gleichen Maßen: Der "Karl-Marx-Hof" ist mit seiner Länge von über einem Kilometer, der weltweit längste zusammenhängende Wohnbau.

Das Grundstück, auf dem die Wohnbebauung errichtet wurde, war bis zum 12. Jahrhundert ein Donauarm – Ende des 18. Jahrhunderts gab es an der Stelle jedoch nur noch einen kleinen Tümpel. Kaiser Joseph II. ließ diesen zuschütten und auf dem Grundstück wurden Gärtnereien untergebracht.

Mit dem Start des sozialen Wohnbauprogramms in den 20er-Jahren wurden diese umgesiedelt und erste Pläne für Wohnungen geschmiedet. Die Architekten in den 20er- und 30er-Jahren beschäftigten sich vor allem mit der Gesundheit und der Wohnqualität von sozial bedürftigen Menschen – Licht, Luft und Hygiene standen bei den Konzepten im Zentrum. Stadtbaumeister Karl Ehn, ein Schüler von Architekt Otto Wagner, plante den "Karl-Marx-Hof". Die rund 5.000 Bewohner bekamen ein eigenes WC und eine Wasserentnahmestelle/Waschmöglichkeit im WC-Vorraum bzw. in der Küche – keine Selbstverständlichkeit im Jahr 1930. Badezimmer gab es jedoch noch keine.

Typisch für diese Art von Wohnbauten sind zudem der Ehrenhof und die mächtigen Tore, durch die man quasi in eine eigene Stadt eintritt. Ebenso zum Konzept des sozialen Wohnbaus zählte auch der großzügige Freiraum als "Garten" für alle Bewohner – beim "Karl-Marx-Hof" sind nur 20 Prozent des über 150.000 Quadratmeter großen und über 1.000 Meter langen Grundstücks bebaut. Ebenso war für eine komplette (Stadt-)Infrastruktur gesorgt: Mit zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen wie Wäschereien, Bädern, Kindergärten, Bibliothek, Arztpraxen und Geschäftslokalen. Die auffälligen Keramikfiguren über den Rundbögen stammen von Josef Franz Riedl, sie illustrieren Aufklärung, Befreiung, Kinderfürsorge und Körperkultur. In den 50er-Jahren wurden die Bombenschäden saniert – in den 80er-Jahren wurde der "Karl-Marx-Hof" komplett generalsaniert.