Wien, im März 1938: Frau Maria Guss war die böhmakelnde Hausmeisterin im Villenetagenhaus in der Wurzingergasse 8, Wien 18, Pötzleinsdorf. Wir sind in dieses schöne Haus im Jahre 1936 eingezogen und Frau Guss kam auch oft aus ihrer Ein-Zimmer-Hausmeisterwohnung zu uns in den zweiten Stock, um als Köchin zu wirken. Ich liebte als Fünfjähriger besonders ihr Risibisi, einen Reis, den sie mit Erbsen versah und der mir besonders gut schmeckte.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich im benachbarten Großdeutschen Reich, wo Hitler 1933 die Macht übernommen hatte, durch die Nürnberger Rassengesetze von 1935 bereits als "jüdischer Mischling ersten Grades" klassifiziert gewesen wäre, denn mein Vater ist jüdisch geboren und wurde, wie es sich gehört, beschnitten. Er wurde dann wie viele Kinder der großbürgerlichen Ringstraßenfamilien römisch-katholisch getauft, bevor er die Volksschule des Schottengymnasiums besuchte, fühlte sich zeitlebens als Katholik und ging in die Kirche statt in die Synagoge wie seine Eltern.

In der sogenannten Ostmark nach dem "Anschluss" ab 1938 galt er allerdings als Volljude. Als am 12. März 1938 zwei stämmige SA-Leute in voller brauner Wix und hohen Stiefeln und Hakenkreuzabzeichen am Uniformhemd bei der Hausmeisterin Maria Guss erschienen und sie anbrüllten: "Wir suchen Juden. Gibt es bei Ihnen welche", entgegnete sie ihnen in ihrem stark böhmakelnden Deutsch: "Bei uns im Haus gibt es keine Juden. Auf Wiedersehen!" "Heil Hitler", entgegneten die beiden SA-Leute, streckten die rechte Hand mit dem Hitler-Gruß aus und machten kehrt.

Ich danke Dir noch heute, liebe Maria Guss, dafür - achtzig Jahre später.

Wolfgang Georg Fischer (Jg. 1933), Schriftsteller & Kunstexperte,
1030 Wien