Nicht nur in der Nachkriegszeit, sondern bis heute ist der Fisch vieler Wiener liebster Festtagsschmaus. - © ullstein bild - Imagno/Votava
Nicht nur in der Nachkriegszeit, sondern bis heute ist der Fisch vieler Wiener liebster Festtagsschmaus. - © ullstein bild - Imagno/Votava

Nachdem unsere Wohnung in der Ausstellungsstraße im 2. Wiener Bezirk 1944 durch eine Bombe teilweise zerstört worden war, kehrten wir im Herbst 1950 dorthin zurück. Wir, das waren Großmutter, Eltern, die beiden Schwestern und ich. Großmutter hatte die Wohnung notdürftig in Stand setzen lassen.

Es gab nicht viel zu essen und nichts zu heizen. Den Geruch des kleinen Petroleumofens, mit dem Mutter damals in der Wohnung versuchte, das zugefrorene Wasser in der WC-Muschel aufzutauen, habe ich noch in der Nase. Im Herbst freskierten mein Onkel und meine Tante, beide Maler, das Haus eines Industriellen im Waldviertel, der eine Karpfenzucht besaß. Onkel wollte uns "armen Kindern in der Stadt" etwas Gutes tun und erstand zwei Wochen vor Weihnachten einen Karpfen, betäubte ihn mit einem Hieb auf den Kopf, steckte ihm einen in Rum getränkten Brocken Brot ins Maul, wickelte ihn in Papier, adressierte das Paket und brachte es zur Post. Als zwei Tage später der Karpfen bei uns in Wien ankam und ihn meine Mutter in die vollgelaufene Badewanne steckte, kehrten die Lebensgeister des Fisches zurück. Er schwamm fröhlich in der Wanne umher. Es war klar, dass ab nun die Badewanne für ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr zu gebrauchen war, sodass wir regelmäßig ins Dianabad pilgerten.

Ob und womit wir den Karpfen fütterten, weiß ich nicht mehr, aber interessiert sahen wir ihm bei seinen eintönigen Runden in der Wanne zu und versuchten auch mit ihm zu sprechen, sein seelisches Befinden zu erkunden. Jetzt konnte ich auch einer Schulkameradin Kontra geben, die mich mit in ihre Wohnung genommen hatte, um mir stolz die Gans zu zeigen, die ihre Eltern für Weihnachten - ebenfalls in der Badewanne - stopften. Als Weihnachten herannahte, stellte sich die Frage, wer unseren Karpfen nun töten würde. Keiner aus der Familie fühlte sich imstande, diesen Fisch, der uns in zwei Wochen ans Herz gewachsen war, ins Jenseits zu befördern.

Am Ende erledigte dies unser Hausbesorger, und es war für uns Kinder sehr aufregend, zuschauen zu dürfen, wie meine Großmutter gekonnt das Tier ausnahm, uns alle inneren Organe zeigte. Und wie sie sich freute, dass es ein Rogner war, da der Rogen für die Fischbeuschelsuppe besser geeignet sei als der Milchner.

Jedenfalls spielten wir Kinder noch lange danach mit der Fischblase als Luftballonersatz. Man glaubt es kaum: Obwohl uns der Fisch vierzehn Tage lang Gesellschaft geleistet hatte, schmeckte er uns am Heiligen Abend, von meiner Mutter köstlich zubereitet, bestens. Möchte man heutzutage vor Weihnachten einen lebendigen Karpfen kaufen, wird man Schwierigkeiten haben. Meistens findet man ihn nur noch filetiert im Frischhaltekarton und Innereien muss man extra erwerben. Vielleicht kommt er nächstes Jahr ja schon aus China.

Brigitte Estl (Jg. 1944),

Pensionistin,

1130 Wien